Sehr geehrtes Publikum, Sehr geehrte Mitglieder der Jury, - liebe Freunde und Wegbegleiter!
Ich freue mich sehr über diesen Preis der heute an Nikolaus und mich verliehen wird, weil damit unser künstlerischer und pädagogischer Weg gewürdigt wird, den wir seit mehr als 20 Jahren beschreiten. Der Prozess und nicht das einzelne künstlerische Produkt steht im Mittelpunkt unserer Arbeit! Wenn ich in diese Runde schaue, sehe ich viele KollegInnen, WegbegleiterInnen, JournalistInnen, VeranstalterInnen und KulturpolitikerInnen. Vielen Dank an Euch alle, denn durch Eure Wahrnehmung unserer Arbeit habt Ihr uns in der Vergangenheit - und ich hoffe auch in der Zukunft - finanziell unterstützt, Medienpräsenz verliehen und Aufführungsmöglichkeiten zur Verfügung gestellt. Aber vor allem habt Ihr unsere Arbeit beachtet, hinterfragt und reflektiert! Die Auseinandersetzung mit unserem Schaffen bedingte nicht immer, aber sehr oft wichtige Impulse und Denkanstösse für unsere Weiterentwicklung und war vor allem in den Anfangsjahren sehr wichtig! Obwohl bei mir schon ein bisschen die Alterssturheit dazukommt - beschäftigt mich nach wie vor jeder Form der Auseinandersetzung mit unserer künstlerischen Arbeit. Künstler brauchen Wegbegleiter! Ohne sie, gehen wir in der Anonymität des Kunstgeschehens verloren. Als ich zu arbeiten begann, war ich 21 Jahre alt. Ohne Beachtung und der kritischen, aber zumeist respektvollen Hinterfragung meiner Arbeit, hätte ich mich nicht entwickeln können
und wie Ihr wisst war und bin ich ein Choreograph, der sehr unterschiedlich diskutierte wird und sich nur schwer einordnen lässt. In der gegenwärtigen Situation des zeitgenössischen Tanzmarktes haben es junge ChoreographInnen besonders schwer Fuß zu fassen. Ich möchte den österreichischen und internationalen Tanzmarkt als kommerzielle Avantgarde bezeichnen. So wie die Kuratorenschaft in der Bildenden Kunst, bestimmen einige wenige VeranstalterInnen, KritikerInnen und Fachleuten was gegenwärtig trendy ist und was nicht, wer zukünftig in der Tanzgeschichte vorkommen wird und wer nicht. Künstlerische Vielfalt ist zur Zeit nicht gefragt!! Für junge Choreographinnen bedeutet dies, dass sie entweder zufällig der gegenwärtigen Tanzmode entsprechen oder - was ich besonders schlimm finde, dass sie sich ihr bewusst unterordnen. Dies führt zwangsläufig zum Verlust ihrer Authentizität und beim Wechsel der Mode zum Einbüssen ihrer künstlerischen Potenz. Auf Grund dieser Marktmechanismen habe ich in den vergangenen Jahren viele KünstlerInnen auftauchen und wieder verschwinden gesehen! - Sie haben nicht erkannt, dass sie benützt wurden bzw. selbst zu kurzfristig gedacht und ihren Entwicklungsprozess der Gunst des Augenblicks geopfert! Es gibt aber auch viele junge KollegInnen, die authentisch ihrem Weg treu bleiben wollen, aber nicht ins Erscheinungsbild der jeweiligen Mode hineinpassen. Auch ihnen ist oft nur eine kurze künstlerische Laufbahn garantiert. Denn sie finden zuwenig organisatorische Strukturen und finanzielle Unterstützung, um ihre Choreographien zu entwickeln und zu präsentieren. Außer es gelingt ihnen, Ausdauer zu entwickeln, sich nicht als Opfer der Umstände zu definieren, sondern ihre existentielle Selbstausbeutung als Investition in ein erfülltes und selbstbestimmtes Leben als Künstlerin zu begreifen. Diesen jungen Menschen möchte ich konstruktiver und liebevoller Wegbegleiter sein. Ihnen gilt meine ganze Sympathie! Wir möchten ihnen als tanztheater homunculus mit bescheidenen Mittel unter die Arme greifen, sie unterstützen um sich präsentieren zu können - dort, wo Subventionsgeber wegschauen. Vor allem aber möchte ich diesen MitstreiterInnen Zeit schenken, um ihnen zuzuhören oder mit ihnen in einen künstlerischen Diskurs zu treten. Ich möchte ihnen Mut machen und Hoffnung geben, durchzuhalten, weil sich Trends und Moden verändern und sich folglich das Bereitstellen von Subventionen und Auftrittsmöglichkeiten mitverändert. - Vorausgesetzt die Verantwortlichen ermöglichen in Zukunft die künstlerische Vielfalt!
Wir haben in den 80er und 90er Jahren in der Kunst ein breites Spektrum an Artikulationsmöglichkeiten kennen gelernt, das aufregend und engagiert die Eigenbestimmung des Individuums vorausgesetzt habt. Dieses Versprechen wurde nur bedingt eingelöst, vor allem nicht im Bereich des Tanzes. Gegenwärtig haben wir eine Regelkunst, ähnlich wie es nur das Barock kannte. Diese Regelkunst entspricht nicht der heutigen Zeit, sondern ist Ausdruck eines kontrollierenden und kapitalistischen Managerverhaltens! So zeigen sich gegenwärtig am internationalen Tanzmarkt, - und auch in Österreich, das stets bemüht ist, seine sogenannten Hausaufgaben streberhaft zu erfüllen, eingefahrene Schlagwörter und Schemata: Performative Irritation, Reduktion, Konstruktion, Konzeption, Dekonstruktion, usw. Dies sind formale Schlagworte, die in den Werken unterschiedlichster ChoreographInnen zu ähnlichen Ergebnissen führen. Auf diese Weise begibt sich der zeitgenössische Tanz in einen stereotypen Bewegungskanon und in ein allzu ähnliches Erscheinungsbild. Genau dagegen ist die Gründergeneration des Modernen Tanzes vor mehr als 100 Jahren angetreten! Die aktuelle Gefahr ist, dass sich das Publikum zu langweilen beginnt. Den Tanzaufführungen fern bleibt, weil keine Überraschungen mehr stattfinden und das Staunen und die Bühnenmagie ausbleiben. Rosalia Chladek hat einmal sinngemäß gesagt, es gehe ihr darum dem inneren Erleben äußere Gestalt zu verleihen. Ich möchte mich gerne diesem Gedanken anschließen, weil er Authentizität und Subjektivität ausdrückt. Mich persönlich interessiert an einem Künstler seine subjektive Sicht auf ein Sujet. So subjektiv und einzigartig wie der Körper und die Bewegung jedes einzelnen Menschen ist. Erst diese subjektive Sicht auf sich und die Welt ermöglicht eine künstlerische Vielfalt auf der Bühne und eine Bereicherung der Gesellschaft. Die Immunität der KünstlerInnen gegenüber den modischen Erscheinungsbildern und Formalismen sind Voraussetzung für die Weiterentwicklung in der Kunst und deren Wichtigkeit in der Gesellschaft. Diese Überzeugung lässt mich noch immer die Hoffnung schöpfen, dass Tanzkunst eine wichtige nonverbale Reaktion auf Zeitgeschehnisse ist, in der das Publikum auf einer Metaebene eine Identitätsmöglichkeit erfahren darf. Liebe engagierte Wegbegleiter! - Engagieren wir uns weiterhin gemeinsam für eine vielfältige österreichische Tanzszene. Abschließend danke ich Herrn Dr.Brunner für seine langjährige Tätigkeit in Wien danken. Denn er hat als Ballettchef der Wiener Staatsoper und Leiter der Tanzbiennalen den Weg der künstlerischen Vielfalt beschritten und war ein ganz wichtiger Impulsgeber für die Entwicklung des österreichischen Tanzes. Ich danke Ihnen! Meinen besonderen Dank richte ich an meinen Freund, künstlerischen Wegbegleiter und Co-Direktor Nikolaus Selimov. Ohne Dich wäre mir oft die Kraft ausgegangen!!! Auch bei den vielen TänzerInnen, mit denen ich im Laufe der Zeit zusammenarbeiten durfte, möchte ich mich sehr herzlich bedanken. - Ohne deren Zuspruch und die Bereitschaft Wagnisse einzugehen hätte keine einzige Choreographie entstehen können! Weiters möchte ich mich bei meiner langjährigen Freundin und Lichtdesignerin Silvia Auer bedanken,...ohne Deine Mitarbeit stünden meine Inszenierungen wahrhaft im Dunkeln! Vielen Dank auch an meinen Lebenspartner Günther Mörtl, der mich in den Phasen der größten Anspannung noch immer zum Lachen bringt und nicht das Weite sucht! Ich wünsche Euch noch einen wunderschönen Abend! Manfred Aichinger
Da Manfred bereits fast alles gesagt hat fasse ich mich kurz! Die große Herausforderung für uns Tanzschaffende ist es, dem zeitgenössischen Tanz seinen Platz und seinen Stellenwert im Spektrum der darstellenden Künste zu bewahren! Derzeit weht uns allen ein rauher Wind entgegen. In vielen relevanten Bereichen sind Rückschritte zu konstatieren. Konservative Kulturkonzepte, die sowohl von rechten als auch von linken politischen Parteien umgesetzt werden, setzen auf Events und seichte, aber meist um so kostspieligere Unterhaltungskunst. Fremdenverkehrsinteressen und die Wirtschaft werden in hohem Maße zu indirekt mitbestimmenden Größen in der Subventionsvergabe. Diese Entwicklung läßt die Budgets der Tanzkompanien im besten Fall stagnieren aber auch oft kleiner werden. Unser Bewegungsspielraum wird zunehmend eingeschränkt, - wer darf heute eine neue Choreografie noch mehr als drei mal aufführen? - Die Wahrnehmung und Unterstützung des zeitgenössischen Tanzes seitens der Medien und insbesondere durch den ORF ist dramatisch zurückgegangen. Die Printmedien sparen bei der Kulturberichterstattung was traditioneller Weise als erstes der Tanz zu spüren bekommt. Eine Entwicklung die gerade in unserer sogenannten Mediengesellschaft sehr gefährlich ist. Das worüber man nicht lesen kann, das worüber man nichts hört oder sieht existiert im Bewußtsein der Menschen nicht! So wird es immer leichter bei den öffentlichen Ausgaben für Tanz zu kürzen und Schritt für Schritt die Tanzschaffenden ganz einzusparen! Von Seiten der TanzkünstlerInnen sehe ich es als Herausforderung und Aufgabe dieser Entwicklung aktiv entgegenzutreten. Wir müssen dem zeitgenössischen Tanz wieder seine gesellschaftspolitische Relevanz zurückgewinnen - und wir müssen daran arbeiten, daß wir mit unseren Choreografien dem Tanz seine Themenführerschaft und inhaltliche Brisanz innerhalb der darstellenden Künste zurückgeben. Eine Position die er bis in die 90er Jahre innehatte. Selbstmitleidige Nabelschau und die daraus resultierenden künstlerischen Programme sind der Weg in die Sackgasse! Der Verlust von Solidarität innerhalb der Tanzszene und das fehlen kulturpolitischer Gegenkonzepte unsererseits erleichtern es allen die es nicht gut mit uns meinen selbstbestimmtes und unabhängiges künstlerisches Schaffen zu erschweren bzw. zu verhindern. In diesem Sinne sehe ich den heutigen Preis als Aufforderung und Unterstützung in dieser Richtung weiterzuwirken. Ich danke den Initiatoren des Österreichischen Tanzproduktionspreises, der Jury und allen die ihre Stimme für den zeitgenössischen Tanz erheben! Vielen Dank für den Preis und vielen Dank für Eure Aufmerksamkeit!
Nikolaus Selimov
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