Die Geste als Phrase

Körper und Kunst: Eine Ausstellung in der Generali Foundation. Bis 25. April.

In biblischer Vorzeit war es das Wort, das gegolten hat. Unantastbar. Später durfte den Bildern geglaubt werden. Unverrückbar. Bald entpuppten sich auch die als Schaumgeburt. Blieben noch die Gebärden, Bilder und Wörter des Körpers, unleugbar. Doch, dass selbst diesen nicht zu trauen ist, wissen wir auch schon lange.
Der Philosoph Gilles Deleuze hat das alte Wissen über die Sprache der Körper, Mitte der Sechziger Jahre in der Einleitung zu einem Text über seinen Kollegen, Schriftsteller und Maler Pierre Klossowski neu zur Debatte gestellt: „Dass die Körper sprechen, auch das wissen wir seit langem“.
Für die Generali Foundation die Kuratorinnen Hemma Schmutz und Tanja Widmann wurde Deleuzes redundante Ironie zum Titel einer Ausstellung, die sich (wieder einmal) dem Körper und seinem Ausdruck widmet. Mehr als 20 Beiträge aus Malerei (überraschend viele Tafelbilder haben die beiden Kunsttheoretikerinnen zusammengetragen), Fotografie und Video zeigen, was der Körper zu sagen hat oder verschweigt. Als Ornament in die Wand gebohrt ist Maria Hahnenkamps Gebärde sichtbar: von der Bohrmaschine gepiercte Mauer, petits Points als Abdruck an der Wand.
Mit dem Abdruck der Zeichensprache, den Codes der Gestik hat sich schon der Kunsthistoriker Aby Warburg (1866–1929) beschäftigt. Ein kurzer Blick auf seinen „Mnemosyne-Atlas“ (Mnemosyne, Göttin des Gedächtnisses, Mutter der neun Musen) erinnert an seine Idee, das Bildgedächtnis der europäischen Kultur zu speichern. Durch vergleichende Arbeit konnte Warburg zeigen, dass gestische Formeln im Lauf der Zeit mit unterschiedlichen Bedeutungen aufgeladen worden sind. Die „Pathosformeln“ (Warburg für durch Emotionen in Gesten formulierte heftige Bewegungen des Körpers) können ebenso Furcht wie Euphorie, Trauer wie Freude, Einladung wie Abwehr bedeuten. Körpersprache als Geheimsprache, Gesten als Pose, die ohne Deutung unverständlich ist.
Am deutlichsten wird die Unhaltbarkeit der körperlichen Zeichen in der Maskierung. Antje Majewskis riesige nach einem inszenierten Foto gemalte Tafel zeigt eine kompakte Gruppe kostümierter Frauen, die mit bemalten Gesichtern und aufgerissenen Mündern einer griechischen Tragödie entstiegen sein könnten. Folgerichtig nennt die deutsche Künstlerin ihr Gemälde auch „Masken“. Im Gegensatz dazu: die anheimelnde Küchenszene eines lesbischen Haushaltes aus der Fotoserie „Domestic“ der Amerikanerin Catherine Opie. Dass dieses sonnige Arrangement nicht nur von der alltäglichen Gemeinschaft dreier Frauen erzählt, ist erst dem Katalog zu entnehmen. Das Foto hat flüchtig besehen nicht mehr Aussagekraft als jedes seiner Pendants aus dem Familienalbum. Doch eben darum geht es Schmutz und Widmann, um die Ungewissheit, um die Doppel- und Mehrdeutigkeit, um den Widerspruch in der Sprache des Körpers und ihrer Abbildung in der Kunst.
In den bewegten Bildern (Videos, Stummfilmausschnitte) wird die Nähe der bildenden Kunst zur darstellenden deutlich. Schon Jackson Pollocks war ebenso Performer wie Maler und wenn Hannah Wilkes im 1975 entstandenen Video „Gestures“ 35 Minuten lang ihr Gesicht abtastet, so hat sie vor 30 Jahren festgehalten, womit sich TänzerInnen (maskiert: PerformerInnen genannt) heute (wieder) auf der Bühne darstellen.
Natürlich zeigt eine solche Themen orientierte Sammelausstellung weniger, was Künstlerinnen und Künstler zur „Beredsamkeit des Leibes“ (Titel einer Ausstellung in der Albertina, 1992) zu sagen haben, als die Gedanken und Ideen der Kuratorinnen. Und die gehen für die BesucherInnen leicht nachvollziehbare, gerade Wege und lassen es auch nicht an Frohsinn und Ironie mangeln. So finden wir in der Körpersprache auch eine Antwort auf die Frage, was denn Kunst überhaupt sei. John Baldessari gibt sie im Video: „I Am making Art“. Auch nur eine Pose.

Ditta Rudle

Submit am 03.02.2004

 

Online am Dienstag 03.02.2004

Lezte Online Aktualizierung am Mittwoch 04.02.2004 15:39

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