Die Diskussion ist eröffnet
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Wiens Fördersystem für Freie Gruppen wird geändert. Das
Reformpapier "Freies Theater in Wien. Reformvorschläge zur Förderung
Freier Gruppen im Bereich der Darstellenden Kunst" berücksichtigt
den Tanz jedoch nur peripher, obwohl dieser nicht eins zu eins mit dem
Theater gleichzusetzen ist. Die Diskussion darüber hat begonnen.
Ein Kommentar von Edith M. Wolf Perez
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Endlich kommt sie in Gang, die Diskussion über das Gutachten "Freies
Theater in Wien. Reformvorschläge zur Förderung Freier Gruppen
im Bereich der Darstellenden Kunst", das von Kulturstadtrat Mailath-Porkorny
in Auftrag gegeben wurde und - vorerst ohne erläuternde Kommentare
seinerseits - von den Autoren der Studie, Herbert Lackenbucher, Anna Thier
und Uwe Mattheiß, umgesetzt werden soll.
Bisher wurden Freie Gruppen in Wien nach Empfehlungen von je einem Beirat
in den Bereichen Sprechtheater, Kindertheater und Tanz gefördert,
die sich aus Vertretern der Stadt Wien und der IG Freie Theater zusammensetzten.
Seit Herbst dieses Jahres liegt die Kompetenz bei drei Kuratoren, die
darüberhinaus in einer eineinhalbjährigen Übergangszeit
die Implementierung neuer Strukturen vorbereiten sollen.
Prinzipiell sind viele der Vorschläge in diesem Papier interessant,
da sie an die traditionelle österreichische Kulturpolitik anknüpfen,
die besser mit Institutionen als mit "freien Geistern" umgehen
kann. Ein pragmatischer Ansatz also.
Ein Schwachpunkt, der aber vor allem den Tanz in dieser Stadt betrifft
ist die Aufhebung der Spartentrennung. Denn der Tanz hat andere strukturlle
Bedürfnisse als das Theater und ist in vielerlei Hinsicht eher mit
der Musik als mit dem Theater verwandt.
Nachdem weite Teile der Presse und des Gemeinderates (über Parteigrenzen
hinweg) die Studie nach Veröffentlichung äußerst postiiv
aufgenommen haben, wurde die einsetzende Kritik vorerst gar nicht wahrgenommen.
Diese Zeiten sind hoffentlich vorbei, denn eine öffentliche inhaltliche
Diskussion ist nötig.
Den Anfang macht Nele Hertling in ihrem Gastkommentar im November-Dezember-Programm
des Tanzquartiers Wien (Seite 2 ff.). Unter Anderem hält die ehemalige
Direktorin des Berliner Hebbel-Theaters fest, dass in der von Lackenbucher,
Mattheiß und Thier verfassten Studie auf den Tanz nur peripher eingegangen.
Folgende Punkte unterstreichen ihre Einsschätzung, denn viele der
Analysen, die grosso modo die Situation des Theaters beschreiben, sind
für den Tanz schlicht nicht zutreffend. Zum Beispiel:
Die Unterscheidung zwischen institutionellem und
freiem Theater lässt sich auf den Tanz nicht anwenden. In Wien gibt
es mit dem Staatsopernballett und - mit wechselndem Schicksal - dem Volksopernballett
lediglich zwei an Häusern gebundene Ensemble und als neue Einrichtung
das Tanzquartier ohne festes Ensemble.
Die Ausbildungssituation ist eine völlig andere. Neben den Ausbildungen
im klassischen Tanz an der Ballettschule der Wiener Staatsoper und am
Konservatorium der Stadt Wien gibt es im zeitgenössischen Tanz
abgesehen von privaten Initiativen, die meist aufgrund mangelnder Förderung
zum Scheitern verurteilt sind - keine Bühnentanzausbildung, sondern
nur eine Ausbildung zur Tanzpädagogik am Konservatorium der Stadt
Wien (und im Brucknerkonservatorium in Linz).
Durch seine dynamische, internationale Vernetzung ist der Tanz weit besser
für den Markt gerüstet als das Sprechtheater. Im
Tanz geht es vielmehr darum, die Vielfalt zu erhalten und zu fördern.
In vielerlei Hinsicht orientieren sich die Autoren bei ihrem Vorschlag
der Koproduktionshäuser am Modell des Tanzquartier Wien. Wie aber
Nele Hertling in ihrem Editorial richtig bemerkt, ist dieses Modell nur
bedingt ideal: Eine Institution wie das Tanzquartier muss, um künstlerisch
wirksam zu sein, ein eigenes profil entwickeln, d.h. die Möglichkeit
haben, seine Künstler/Innen nach eigenen Gesichtspunkten
auszuwählen. Die Programmpolitik gibt eine bestimmte Richtung vor,
in die die allgemeine Tanzentwicklung der Stadt nicht gänzlich zu
integrieren ist
In einer Stadt, in der in den letzten Jahren die tänzerische Vielfalt
der Programmatik einzelner Veranstalter zum Opfer gefallen ist, ist die
Gefahr besonders groß. Denn einhergehend mit dieser Entwicklung
der zunehmenden Einseitigkeit der Tanzprogrammierung ist eine Stagnation,
wenn nicht eine Reduzierung des Tanzpublikums zu beobachten. Einzig das
auf Vielfalt ausgerichtete ImPuls-Tanzfestival ist von dieser Wiener
Tendenz nicht betroffen.
Ein weiterer Punkt dieser Studie betrifft unsere
Branche Kulturpublikationen direkt: Keinesfalls kann ich mich als langjährige
Tanzpublizistin der Meinung der Kuratoren anschließen, die in ihrem
Maßnahmenkatalog (Seite 42) vorschlagen, den Mangel an Fachpublikationen
im Theaterbereich durch ein Redaktionsbüro für eine deutsche
Zeitschrift auszugleichen. Die Planstelle für die Zeitschrift, die
nirgendwo in Wien erhältlich ist, sollte zudem von der Stadt Wien
finanziert werden.
Würde dieses Konzept umgesetzt, wäre es nicht nur ein Ausverkauf
der kulturellen Identität dieser Stadt (die schon jetzt zu viel auf
den Tenor des deutschen Feuilleton hält), sondern ein Schlag ins
Gesicht all jener ist, die wie wir jahrzehntelang unter schwierigsten
ökonomischen Bedingungen für eine objektive Kulturberichterstattung
in Österreich und Wien gekämpft haben. Einerseits hat etwa die
Tanzzeitschrift tanz.at zur Entwicklung des Tanzes in Wien sehr viel beigetragen
und dessen Status angehoben. Andererseits ist der lokale Bezug eines Mediums
und damit seine Erreichbarkeit sowohl was den Inhalt
als auch den Vertrieb betrifft - für die Leser (und damit das Publikum)
sehr wichtig.
Bleibt nur zu hoffen, dass sich diese Unschärfen der Studie bei der
Umsetzung des neuen Modells für Freie Theater nicht fortsetzen und
dass vor allem die Rolle des Tanzes und von Tanzpublikationen in dieser
Stadt noch einmal von den Kuratoren evaluiert wird.
Wer mitdiskutieren möchte...hier
gehts zum Mailforum
Gutachten Freies Theater lesen unter www.wien.gv.at/ma07/studie.htm
Weitere Diskussionsrunden hat die IGFT gestartet mit einem Jour Fix
zum Thema. Das nächste Treffen findet statt am 3. November 2003 im
kosmos.theater statt unter dem Titel OFFforum II http://www.freietheater.at
Gastkommentarvon Nele Hertling in voller Länge unter http://www.tqw.at
nachzulesen.
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Edith M. Wolf Perez
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Submit am 28.10.2003
Online am Dienstag 28.10.2003
Lezte Online Aktualizierung am
Donnerstag 05.02.2004 16:19
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