Fremdes Ritual |
Als Gesamtkunstwerk ist das traditionelle japanische Nô-Theater zu sehen. Die dafür wesentlichen prächtigen Kostüme und Masken sind bis 4. Jänner im Theatermuseum ausgestellt. |
Brust heraus, Beine leicht angewinkelt, Schwerpunkt dem Boden nahe, Ellbogen seitlich vom Körper angehoben, die gesamte Energie in der Bauchgegend gesammelt mit langsamen Schleifschritten, sonderbaren Sprechgesang ausstossend, bewegt sich der Nô-Spieler im genau definierten Bühnenraum. Jahrhunderte lange Wiederholung hat die Bewegung eingefroren. Fast eine Skulptur. Höchste Abstraktion, vollendete Präzision. Nô, das traditionelle japanische Theater, ist nicht bloß Bühnenspiel um eine Fabel oder gar unbeschwerte Unterhaltung. Nô ist Ritual und Zeremonie, ein Gesamtkunstwerk aus Tanz und Gesang, Sprache und Musik; Symbol des Unsichtbaren, Metapher des Geistes, hypnotische Poesie.
Edles Hoftheater Nô blickt auf eine bald mehr sechshundert Jahre lange Tradition zurück. Zwei Namen stehen für die Schöpfung der Nô-Dramatik: Kanami Kiyotsugu (13331384) und der seines Sohnes Zeami Motokiyo (13631443). Zeami gilt auch nach sechshundert Jahren als der bedeutendste Dramatiker und Theoretiker des Nô, über sein Speil ist wenig bekannt. Im Gegensatz zum volkstümlichen Kabuki war das Nô-Theater nobles Hoftheater. Die Verwendung erlesener Materialien für die Gestaltung der Bühne, der Kostüme und Requisiten zeigt bis heute den elitären Charakter des stilisierten Spiels. Duftendes glatt poliertes Zypressenholz für den genau vorgeschriebenen Bühnenaufbau; prunkvolle Kostüme aus bunten Seidenfäden gewebt; fragile Gebilde aus Bambus, Holz und Brokat als sparsam verwendete Requisiten, feinst geschnitzte und bemalte Masken. Eine Auswahl dieser Prunkstücke sind jetzt in einer Sonderschau des Theatermuseums zu sehen. Im Mittelpunkt der Ausstellung stehen wertvolle Kostüme aus der Sammlung des Yamaguchi Nô Research Center in Kyoto, die nur selten außerhalb Japans zu sehen sind. Die ältesten Kimonos stammen vom Ende der Edo-Periode (16031868). Die in Rot und Gold leuchtenden Farben stehen im Gegensatz zur nahezu leeren Bühne aus glattem Holz. Zu sehen sind auch Masken, Musikinstrumente, Perücken und Tuschzeichnungen. Fotos und Videos zeigen Aufführungen des zeitgenössischen Nô-Theaters.
Die Kunst des Nô-Spielers Die Kunst des Nô muss durch jahrelanges körperliches und geistiges Training erlernt werden. Im Idealfall wird sie über Generationen hinweg vom Vater zum Sohn weiter gegeben. Jeder Handgriff, jede Bewegung ist vorgeschrieben. Auch die Einkleidung der Schauspieler und ihr Auftreten auf die Bühne (auch die Musiker sitzen als Teil des Spiels im Bühnenraum) unterliegt festen Regeln. Im Mittelpunkt des Spielrituals steht nicht die Fabel, sondern die Begegnung des Menschen mit Erscheinungen aus der Welt des Unsichtbaren und Spirituellen. Geister und Dämonen greifen in das Leben der Menschen ein und setzen sie schweren Prüfungen aus. Die Kunst des Nô-Spielers ist niemals die Natürlichkeit der Darstellung, sondern die Perfektion des Rituals. So wird auch der Gefühlsausdruck durch expressive Masken dargestellt und unter dem symbolträchtigen Kostüm trägt der Darsteller mehrere Stoffschichten, die den Körper zu einem abstrakten Gebilde formen. Wesentlichen Anteil an der Faszination des Nô-Spiels hat neben der strengen Choreografie die Klangmalerei (eine schrille Querflöte, zwei Trommeln) und der skandierende Chor. Regisseur oder Dirigenten gibt es keinen das Spiel entfaltet sich wie von selbst mit stetig wechselndem Zentrum. Geradezu körperlich spürbar ist auch für das Publikum die Konzentration der Agierenden auf der Bühne (Spieler, Musiker, Chor), die geballte Energie, die von den quälend langsamen Bewegungen ausgeht, Hypnotisch wirken die gutturalen bis schrillen Rufe der Trommler. Nicht jede westliche Besucherin kann sich mit dieser extremen Form des Theaters anfreunden. Aggressive Ablehnung ist in der europäischen Rezeptionsgeschichte des Nô keine Seltenheit. In der Ausstellung jedoch erzählen Kostüme und Masken lautlos von der fesselnden fremden Kunst. Ditta Rudle Nô-Theater bis 4. Jänner, Dienstag bis Sonntag 10 bis 17 Uhr, Mittwoch bis 20 Uhr im Theatermuseum, Lobkowitzplatz 2, 1010 Wien. Im Rahmen von imagetanz geben am 26. und 27 9., 19.30 Uhr Nô-Darsteller einen Einblick in die Kunst des klassischen Nô-Spiels. Akira Yamaguchi, der Gestalter der Ausstellung, hält eine Einführung.
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Ditta Rudle |
Submit am 22.09.2003
Online am Dienstag 22.09.2003
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