Die Tanzoffensive des Bundes

"Die Zerfleischung der freien Künstlerschaft in Sachen Tanz" titelt das Tanz Atelier Wien seinen offener Brief über die als "Tanzoffensive" angekündigte Förderpolitik des Bundes

1. Staatssekretär Franz Morak verkündet 2001 den Tanzschwerpunkt als kulturpolitische Weichenstellung für die Zukunft. Als erster Impuls wird ein neuer Beirat installiert: Esther Linley (ehemaliges TTHW), Liz King (TTHW, damals an der Wiener Volksoper), Jochen Ulrich (Choreograph am Landestheater Innsbruck), Silvia Kargl (Kritikerin Salzburger Nachrichten) und Andrea Amort (Kritikerin Kurier, Tanzwissenschaftlerin) - die beiden letzten Kandidatinnen gehörten dem Beirat davor schon an und sollten ausgewechselt bzw. nicht nachbesetzt werden. Nach Aufbegehren der freien Tänzerschaft auf Grund des Objektivitätsverlustes und ästhetischer Agenden sowie bezüglich der Beiratsanzahl (drei statt fünf) blieben Andrea Amort und Silvia Kargl weiter.
2. Prinzipielle Skepsis verstummte nicht, da für viele zeitgenössische Tanz-ProtagonistInnen die tendenziell „balletöse“ Grundausrichtung dieses Gremiums als unadäquat und nicht repräsentativ für den freien, zeitgenössischen Tanz in Österreich empfunden wurde.
=> Zeitgenössischer Tanz lebt vom Ausdruck des Individuums, ist nicht durch normierte Muster und spezifische Sichtweisen vermittelbar. Er ist diskursiv, dialektisch und nicht hierarchisch ausgerichtet.
3. Nach unterschiedlichen Positionen intern verließ Andrea Amort den Beirat 2002.
4. Jochen Ulrich ist aus beruflichen Gründen durch geographische Distanz nur peripher am Geschehen der freien österreichischen Tanz-ProtagonistInnen beteiligt und kann seine Expertise nur begrenzt einbringen (Videos sind für viele nicht erschwinglich und vermitteln kaum zeitgenössische Tanzarbeit).
5. Somit agiert ein 3köpfiges Gremium: Esther Linley, Silvia Kargl und Liz King…
6. Viele NachwuchschoreographInnen verwehren sich, ihre Ansuchen überhaupt einzusenden oder gaben auf diese Jury fachlich objektiv anzuerkennen. Auch bleiben viele Definitionen bezüglich Förderungsmechanismen:
offene Jahressubvention - Projektsubvention, etablierte KünstlerInnen - NachwuchschoreographInnen, kleine Gruppierungen - große Formationen, weiterhin unklar und strukturell ungelöst.
7. Das Tanz Atelier Wien unter der künstlerischen Leitung von Sebastian Prantl und Cecilia Li war in der verhältnismäßig glücklichen Position mit Beginn des 3jahres Vertrags mit der Stadt Wien (jährlich rund Euro 180.000,-) eine adäquate Ergänzung von rund Euro 40.000,- durch den Bund zu empfangen.
8. Immer wieder wurden auf Druck der freien Tänzerschaft die Beiräte in Sachen Tanzoffensive befragt. Dabei ging es vornehmlich um eine generelle Erhöhung des Etats für den freien österreichischen Tanz. Klare Antworten blieben aus.
9. Das choreographiccentrelinz (CCL) geht mit großzügiger Unterstützung vom Bund unter der künstlerischen Leitung von Esther Linley seiner Realisation entgegen.
10. Liz King verliert ihre Stelle als Choreographin an der Wiener Volksoper und ist somit als freischaffende Protagonistin wiederum gleichwertige Anwärterin auf Subventionen des Bundes. Das TTHW versucht im Tanzquartier Fuß zu fassen.
11. Das Tanz Atelier Wien geht ohne Garantien, die auf Grund der größeren politischen Budgetthematik auf sich warten lassen, zu Anfang des Jahres 2003 in die Stückarbeit H+H (Odeon und Haydn-Saal, Schloß Esterzázy/ Eisenstadt), annehmend dass die Jahresförderung in ähnlicher Größenordnung weiterläuft.
12. H+H wird von den Medien und dem Publikum sehr positiv aufgenommen und steht als Neuanfang hinsichtlich der Ensemblebildung für eine erfolgreiche Verjüngung der künstlerischen Arbeit (siehe Rezensionen).
13. H+H wurde von 2 Beiräten (Silvia Kargl und Liz King) gesehen. Einen Monat nach der Produktion bzw. neun Monate nach dem Erstellen des Subventionsansuchens die plötzliche schriftliche Absage vom 30. Mai 2003 fast der gesamten Subventionsmittel des Bundes (rund Euro 6.000,- als Anzahlung für die Jahrestätigkeit erging im März 2003 an Tanz Atelier Wien, sowie an ähnlich große Ensembles wie zum Beispiel Tanztheater Homunculus – dieses erhält wie angesucht seine volle Jahressubvention 2003):
„Ihr Antrag vom 1. Oktober 2002 wurde in der letzten Tanzbeiratssitzung am 22.5.2003 nochmals diskutiert. Dabei haben sich die Beiratsmitglieder nach Besichtigung der Aufführung und aufgrund der nach Ihren Aussagen nicht absehbaren weiteren Produktionstätigkeit des Tanzatelier Wien in diesem Jahr vorerst gegen eine weitere Unterstützung Seitens des Bundeskanzleramtes ausgesprochen.“

Wir bitten, diese Entwicklung nachzuvollziehen und hoffen auf Ihre mediale Unterstützung!

Mit besten Wünschen,

Tanz Atelier Wien

P.S. Anmerkung der tanz.at-Redaktion: Auch das Online-Magazin tanz.at kam bei der Tanzoffensive des Bundes unter die Förderungsräder. Nachdem die Internet-Zeitschrift im Jahr 2001 eine Förderung von 75.000 ATS (5450 EUR) erhalten hatten, wurde der Redaktion im letzten Jahr vor der Nationalratswahl von der Kunstsektion des Bundeskanzleramtes die Finanzierung des tanz.at-Printnewsletter als monatliche Beilage des größten österreichischen Theatermagazins angeboten. Freilich war nach der Wahl von diesem Ansinnen nichts mehr zu hören. Dafür gab es im Jahr 2002 die mündliche Auskunft, dass das Ansuchen um eine Förderung für das Online-Magazin tanz.at nicht erfüllt werden kann – Begründung: kein Budget. Es wurde aber angeboten, dass man die Förderung für das Jahr 2002 bei der Einreichung 2003 berücksichtigen werde. Diese Berücksichtigung sieht nun so aus, dass tanz.at für beide Jahre eine Subvention von 5000 EUR erhalten hat …

Submit am 23.06.2003

 

Online am Dienstag 23.06.2003

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