Prolog
Kambodscha ist ein Land, in dem Lächeln und Tränen nah beieinander
liegen. Das Land kommt nicht zur Ruhe. Die Medienkarawane ist längst
weitergezogen und fokussiert neue Konflikte, die sich aber grundsätzlich
nicht unterscheiden vom Drama Kambodschas, das durch Großmachtinteressen
und Stellvertreterkriege in mehr als 20 Jahre Krieg und Bürgerkrieg
hineingezogen wurde. Doch das Gedächtnis der Menschen ist kurz und
offensichtlich auch nicht in der Lage aus der Geschichte zu lernen.
Wider das Vergessen
In "The Continuum: Beyond the Killing Fields", Teil der Aufführungsreihe
"Mythen der Erinnerung" im Schauspielhaus Wien wurde im April und Mai
eine ambitionierte Auseinandersetzung wider das Vergessen geführt.
Zu Gast war Ong Keng Sen, seit fünfzehn Jahren künstlerischer
Leiter von "TheatreWorks" in Singapur, der sich seit Jahren intensiv im
interkulturellen Bereich engagiert. 1994 konzipierte er das asiatische
Kreativ-Labor "The Flying Circus Project", das Traditionelles mit Zeitgenössischem
verbindet und KünstlerInnen aus den Sparten Theater, Musik, Tanz,
Video und visuelle Kunst zusammenführt. Er initiierte ein neues Netzwerk
"Arts Network Asia", das den Dialog zwischen den verschiedenen asiatischen
Künstlern fördern soll. 2002 schuf er ein neues Kunstaustausch-Projekt
in Laos - "The Continuum Asia". Bereits zum zweiten Mal ist Ong Keng Sen
Kurator und Co-Direktor des jährlich in Berlin stattfindenden und
vom Haus der Kulturen der Welt veranstaltenden Festivals IN TRANSIT.
Docu-Performance im Schauspielhaus
Ong Keng Sen zeigte in seiner als "Docu-Performance" bezeichneten Aufführung
in ungemein stimmiger Weise die Verknüpfung des individuellen Leben
seiner Protagonisten und Zeitzeugen mit dem Schicksal und der Geschichte
des Landes - mit traditionellen und zeitgenössischen Mitteln, kongenial
unterstützt vom Musiker Yen Chang aus Japan, der auf ungewöhnliche
Art mit dem Einsatz der Stimme experimentiert und Elemente kommerzieller
Musik mit avantgardistischem Gesangsstil verbindet und der Videographie
von Noorlinah Mohamed, Schauspielerin und Stimmtrainerin aus Singapur.
Wie sich hier Tanz, Musik, Erzählung und visuelle Kunst, Videobilder
und Schattenspiel verbinden, zeugt von großer Erfahrung und Kenntnis
der Kultur und außergewöhnlicher Behutsamkeit in der Annäherung
an seine Protagonisten.
Die Verflechtung der persönlichen Geschichte mit der Geschichte des
Landes
Die 75 jährige Em Theay ist eine der wenigen noch am Leben gebliebenen
Hoftänzerinnen des ehemaligen kambodschanischen Reiches unter Prinz
Sihanouk, der als König von Kampuchea jahrzehntelang in einem verzweifelten
Balanceakt versucht hat, sein Land aus dem Spiel der Großmächte
herauszuhalten. Während des Vietnamkrieges wurde das Land in die
bewaffneten Auseinandersetzungen mit hineingezogen, die Amerikaner bombardierten
den Ho Chi Minh Pfad, der zum Teil durch kambodschanisches Gebiet führte,
später fielen die Bomben auch in der Hauptstadt Phnom Penh, ein Krieg
wurde nie erklärt. Lon Nol, der durch einen Putsch mithilfe der Amerikaner
an die Macht kam, setzte der Regentschaft von Sihanouk ein vorläufiges
Ende. Der Korruption und Willkürherrschaft von Lon Nol zu Beginn
der 70er Jahre wurde 1975 ein brutales Ende bereitet durch den Einmarsch
der Khmer Rouge, wie sie sich nannten. Binnen Stunden wurde Phnom Penh
zur Geisterstadt. Alle Bewohner hatten die Stadt zu verlassen und mußten
sich an wahnwitzigen Agrarprojekten auf dem Land beteiligen. Pol Pot,
der mittlerweile verstorbene Führer der Khmer Rouge (er starb ohne
daß er zur Verantwortung gezogen werden konnte während eines
gegen ihn abgehaltenen Prozesses in den 90er Jahren) träumte von
der Wiederauferstehung des Khmer Reiches der ersten Jahrtausendwende,
einem Agrarstaat, der sich selbst versorgt. Intellektuelle wurden gefoltert,
getötet, viele starben an Unterernährung und Krankheit. Dieser
aberwitzige Versuch ein auch als Steinzeitkommunismus bekanntes Regime
zu installieren, endete mit dem Einmarsch der Vietnamesen 1979.
Em Theay, die bereits mit sieben Jahren am kambodschanischen Hof ausgebildet
wurde und mit fünfzehn Hauptrollen in klassischem Tanz und Gesang
übernahm, - berühmt wurde ihre Darstellung des männlichen
Dämons (in dieser Zeit wurden auch die männlichen Rollen von
Frauen verkörpert) - kam nach der Eroberung Phnom Penhs in ein Arbeitslager
der Khmer Rouge in Battambang im Nordwesten des Landes, überlebte
im Gegensatz zum Großteil ihrer Familie und wurde 1979 nach der
Besetzung Kambodschas durch Vietnam vom Kulturministerium engagiert, um
ihr einzigartiges Wissen an die Nationale Tanztruppe Kambodschas weiterzugeben.
Die Kunst als eine Überlebensmöglichkeit
Kambodscha läßt sich nicht verstehen ohne das Trauma der Pol
Pot Zeit, wo man heute die Gedächtnisstätte - das berüchtigte
Gefangenenlager Toul Sleng - mit den Schädelpyramiden besuchen kann
und die Fotos der Gefangenen sieht - mit einem unbeschreiblichen Ausdruck
in ihren Augen. Ein Museum des Grauens. Kambodscha läßt sich
aber auch nicht verstehen ohne sein Liedgut und den klassischen Tanz,
den es in dieser Form nur dort gibt. Dies ist die Seele der Nation. Das
akzeptierten in gewisser Weise auch die Khmer Rouge, die sich ja in der
Tradition der großen Khmer Herrscher sahen und ihr Hauptquartier
zeitweise in dem gigantischen und einmaligen Tempelbezirk von Angkor Wat
und Angkor Thom im Norden des Landes bei Siem Reap aufgeschlagen hatten
und dieses einmalige Weltkulturerbe nie zerstört hätten. Em
Theay war durch ihre Kunst gefährdet und überlebte durch eben
diese Kunst. In zweifacher Weise: weil sie eben in der hochgeschätzten
Tradition dieser Jahrhunderte alten Kultur stand, die die Blütezeit
des Landes verkörperte und psychisch, durch die identitätsstiftende
und Halt gewährende Liebe zu ihrer Kunst (und - das ist anzunehmen
- durch das eingebettet sein in ihre Religion, den Buddhismus).
Das Weiterbestehen einzigartiger Traditionen
In der Aufführung erzählen Em Theay, ihre älteste Tochter
Thong Kim Ann, ebenfalls eine klassische Tänzerin, die heute an der
königlichen Universität für Schöne Künste in
Kambodscha unterrichtet, ebenso wie Kim Bun Thom und
Sotho Kulikar, Schauspielerin am National Theatre of Cambodia sowie Mann
Kosal, Puppenspielmeister des traditionellen Schattentheaters die Geschichte
dieser Zeit anhand der eigenen Geschichte mit den Mitteln des Tanzes,
der Erzählung, des Puppenspiels, von Licht und Schatten, unterstützt
durch Videos und Musik. Ein Textbuch ermöglicht das Mitlesen oder
man konzentriert sich auf die melodiöse kambodschanische Sprache,
wo sich die Bedeutung eines Wortes zumeist aus der Tonhöhe ableitet.
Erst gegen Schluß der Aufführung kommt Kim Bun Thom im prachtvollem
klassischen Kostüm auf die Bühne und verweist so auf das Fortbestehen
und die Weiterführung dieser einzigartigen Ausdrucksformen, trotz
aller erlittenen Traumata.
Das Kambodscha von heute
Heute ist man in Kambodscha vielerorts zur alten Geschäftigkeit zurückgekehrt,
die Essensstände drängeln sich am Tonle Sap, einem der vier
Flüsse, die in Phnom Penh zusammenfließen. Man kann im Land
herumreisen, hüte sich aber davor die Hauptrouten zu verlassen. Das
Land zählt zu den vermintesten und es wird noch viele Jahre dauern
es von den Landminen zu säubern. Nach dem Abzug der Vietnamesen,
die 10 Jahre im Land waren, half die UNO1993 bei der Abhaltung der ersten
freien Wahlen, Sihanouk kehrte aus seinem Exil ins Land zurück, als
einende Figur, als Symbol. Mehr war es nicht mehr. Der Westen wollte Demokratie
um Fördergelder und Investitionen fließen zu lassen Er hat
seine Demokratie bekommen. Über die wahren Macht- und Kontrollverhältnisse
sagt dies nichts aus, ebensowenig über die tatsächlichen Verhältnisse
der Bevölkerung. Das an sich reiche Land, reich an Bodenschätzen,
Edelsteinen, Edelhölzern und reich an Kultur, wird geplündert.
Das Gesundheitswesen liegt im Argen, seit 1993 steigt die Prostitution
und Aids stetig. Es gibt zuwenig Schulen, Universitäten, Fachausbildungsstätten,
auch zuwenig Bücher und Lehrmaterialien. Der Tourismus hingegen steigt,
nicht zuletzt aufgrund der Investoren, die aber zumeist auf schnellen
Gewinn aus sind, ebenso wie gewisse einheimische Geschäftemacher,
für die der Schutz der Umwelt und Erhaltung des kulturellen Erbes
nicht existente Kategorien sind. Korruption scheint allgegenwärtig.
In der seriösen englischsprachigen "Phnom Penh Post" kann man wöchentlich
darüber lesen. Nächtliche Plünderer dezimieren nach wie
vor die Kunstschätze in den Tempelbezirken. Die von der Unesco und
der Interpol ausgebildete Spezialtruppe der "Heritage Police" ist überfordert.
Berichte über Menschenhandel in Poipet, an der Grenze zu Thailand,
machen die Runde. Dies sind nur einige Folgen des Kreislaufs aus Armut,
Arbeitslosigkeit und Überbevölkerung.
Das Aufarbeiten als Heilungsprozeß
Ungewöhnlich an diesem Projekt von Ong Keng Sen ist, daß es
überhaupt zustande kam, da noch heute die Überlebenden des Khmer
Rouge Regimes nicht über ihre Erfahrungen sprechen. Die Aufarbeitung
ist ein äußerst fragiler Prozeß, der emotional ungemein
schwierig ist. Die Arbeit des Teams mit den Künstlern aus Kambodscha
war demzufolge auch, wie sie sagen, oft von Zweifeln durchsetzt, bei der
die Hoffnung letztlich überwog, daß sich neben all den Schwierigkeiten
auch ein wichtiger persönlicher Heilungsprozeß herauskristallisieren
könnte.
Als nahezu verdienstvoll muß man es betrachten, mit dieser Aufführung
einen Einblick bekommen zu haben in eine in diesen Breiten sehr fremde
Kultur mit ihrer Geschichte, die schon längst aus dem Kurzzeitgedächtnis
der Menschen gewichen ist, jedoch exemplarisch ist - die Schauplätze
ändern sich, wie die jüngste Gegenwart zeigt, die Muster der
Vorgehensweisen bleiben die gleichen, die Folgen ähneln sich - je
nach spezifischer Geschichte, Tradition, Kultur, Religion des Landes.
Aber immer sind die Menschen die Leidtragenden.
Epilog
Und der Leidensweg des einst blühenden Kambodscha scheint kein Ende
zu nehmen. In einem Land, in dem Prophezeiungen zumeist eine größere
Rolle spielen als Gesetze, erinnert man sich an eine Voraussage, in der
es - alten Manuskripten zufolge - heißt, daß Kambodscha zur
Mitte der buddhistischen Ära von einem fürchterlichen Krieg
zerrissen wird: dies traf ein als das Land in den 70er Jahren in den Vietnamkrieg
hineingezogen wurde.
Der Krieg würde Jahre dauern, die Religion zerstören und das
Blut würde bis zum Bauch der Elefanten reichen: dies sahen die Kambodschaner
verwirklicht durch das Khmer Rouge Regime.
Dann würde ein Mann - als Chinese verkleidet - in das Land kommen,
begleitet von einem weißen Elefanten mit blauen Stoßzähnen:
auch das bestätigte sich. Sihanouk kehrte aus Peking zurück,
unterstützt von den Blauhelmen in ihren weißen Fahrzeugen.
Kurz darauf werde es erneut Krieg geben. Dann würde ein Mönch
König werden, der die Rückführung der Heiligen Schriften
vom Berg Kulen anordnen wird: erst dann, so glauben die Kambodschaner,
komme das Glück und verschwänden alle Krankheiten.
Bis dahin lächelt Buddha - mit einer Träne im Auge.
Inge Amschl
Mythen der Erinnerung, die dreiteilige Aufführungsserie im Schauspielhaus
bestand aus:
"The Continuum: Beyond the Killing Fields", Kambodscha,
"Offenes Geheimnis", Ex-Jugoslawien,
"Spiegelgrund - Eine Reise", Wien.
www.schauspielhaus.at
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