Hinreißende Großväter

Eine Bar im Havanna der 1950 Jahre ist Schauplatz einer großartigen Show und bringt feurige Musik, sinnlichen Tanz und sonnig-kubanische Lebensfreude ins winterliche Wien.

The Bar at Buena Vista, MQ Wien, Halle E, 29.12.2009.

Er hatscht auf die Bühne, der Meister des Columbia-Rumba-Stils, eine Art free style Rumba. Alles Show, denn schon nach ein paar Takten legt der 87jährige Luis Chacon „Aspirina“ Mendive richtig los und seine Gelenkigkeit ist verblüffend: tiefe Pliés, schnelle Fußarbeit ein flexibler Oberkörper setzt er in seinem dynamischen Tanz ein. Wow!
Mit seinen mörderischen Schieflagen, in denen er fast auf dem Boden zu liegen kommt um dann blitzschnell wieder in die Vertikale aufzuspringen, beeindruckt Eric Turro Martinez, Meister des traditionellen Son. Die beiden Tänzerinnnen wirbeln um diese Maestros in bunten, kurzen, aufreizenden Rüschenkleidchen herum, geben Unterstützung und bringen Farbe ins Geschehen. Klar, auch in diesen Paartänzen führen die Männer - was für Frau mitunter eine angenehme Sache ist. Nur, die beiden Frauen, die hier auf der Bühne stehen, sind natürlich ebensolche Profis wie ihre männlichen Pendants und stechen diese mit ihrem rasanten Beckenkreisen allemal in den Schatten.
Der 91jährige Sänger Reynaldo Creagh tritt gar mit einem Stock auf, begrüßt sein Publikum mit leiser Stimme bevor er zu singen beginnt („Dos gardenias para tí“) mit einer Stimme wie eines 40jährigen - von Schwäche keine Spur, als er den Stock abgibt und einige Tanzschritte in entspannt-lässiger Art vorführt - goldglänzender Anzug und silberfarbene Schuhe inbegriffen.
Regisseur Toby Gough hat mit seiner Revue ein paar der großen alten kubanischen Musiker und Tänzer aus der Versenkung geholt und sie einem internationalen Publikum bekannt gemacht. Papi Oviedo (Gitarre) spielt seit den 1950er Jahren mit den Top-Bands in Kuba und Maestro Guillermo „Rubalcaba“ Gonzáles (Klavier) feiert im Januar 2010 seinen 78. Geburtstag. Um diese Ikonen der kubanischen Kultur formierte sich eine durch jüngere Musiker ergänzte Band, die den Son ebenso wie den Jazz im Blut hat, darunter der großartige Trompeter Alexander Abreu und der talentierte Latin-Sänger Leo Gamboa Almaguer.
Diese Formation ist an sich schon ein Beispiel der lebendigen kubanischen Tradition, die seit Ry Cooders Film „Buena Vista Social Club“ (1996) wieder eine ungebrochene Erfolgsgeschichte schreibt. Toby Gough hat seine Show in das Umfeld der Hochblüte in den 1940er und 1950er Jahre eingebettet, der Erzähler Brian Green erläutert dezent historische Zusammenhänge und Entwicklungen, der Barmann (Jesus Rodriguez) erzählt Anekdoten des historischen Vorbildes Arturo Lucas, jener Barmann, der in New York und Havanna die Stars mit Cocktails versorgte und den Regisseur zu seiner Show inspirierte.
Diese Show ist eine der gelungensten Inszenierungen der kubanischen Tradition. Ihren emotionalen Höhepunkt erreicht sie durch die kubanische Diva Siomara Avilla Valdes Lescay, die die Halle E mit der ganzen Wucht ihrer Weiblichkeit und Lebensfreude zum Tanzen bringt. Das karibisches Lebensfeuer, die verkörperte joie de vivre, das kubanisches Temperament - das ist einfach ansteckend. Azúcar!

Noch zu sehen bis 3. Jänner 2010.

Edith Wolf Perez

Online am: 30.12.2009, © www.tanz.at