Die Hölle sind wir

Eva-Maria Lerchenberg-Thöny setzt Sartres Stück "Huis clos" tänzerisch um

Geschlossene Gesellschaft, Staatstheater Braunschweig, 31.10.2009.

Dieses Werk von Eva-Maria Lerchenberg-Thöny ist ein Meisterwerk. Nicht nur weil die Choreografin sich mit viel Verstand und tiefer Überlegung mit Sartres „Geschlossene Gesellschaft“ („Huis clos“ 1944) befasst hat, sondern auch mit dem ganzen Universum, vor allem mit den komplementären philosophischen Werken. Die wichtigsten sind „Das Sein und das Nichts“ (1943) und „Der Existenzialismus ist ein Humanismus“ (1946), in denen Sartre die Fundamente seines philosophischen Denkens präsentiert. „Wenn der Mensch verdammt ist zu sterben, ist er auch verdammt, frei zu sein und sein eigenes Dasein zu wählen, er trägt aber auch die Verantwortung für seine Handlungen und für sein Leben“.
Das Theaterstück Sartres markiert eine neue Art des Theaters, das „Situationstheater“. Obwohl das Thema von „Geschlossene Gesellschaft“ tragisch ist, kann man über eine Antitragödie sprechen, denn die Darsteller sind keine Helden, sondern von (irgendeinem) Schicksal im Voraus verdammt, verbannt oder bestraft. Der Akt, der die Existenz des Menschen rechtfertigt, ist der, mit dem er über seiner Situation steht und sie durch seine Handlungen überwindet. Deswegen sind in „Geschlossene Gesellschaft“ die Personen weder historisch noch mythisch, sie erinnern an alle von uns und die Situationen, die wir alle erleben konnten. Das zwingt das Publikum die Handlung an sich selbst zu spüren. Das jedenfalls ist bei beiden Vorstellungen mit unterschiedlichen Besetzungen mit dem Werk von Eva-Maria geschehen.
In „Geschlossene Gesellschaft“ ist der literarische Autor der Wirkung auf das Publikum bewusster als der philosophische Schriftsteller, Gesang und Tanz sind in den gesprochenen Text integriert. Der Gesang wird bei Lerchenberg-Thöny durch Geräusche der Atmung sehr gut ersetzt.
Gibt es vielleicht etwas, außer der inneren Thematik der Verantwortung und des Bewusstseins, das kaum tänzerisch darzustellen ist und das Maurice Béjart noch mit seinem „Ballets de l'Etoile“ 1957 als „Sonate à trois“ (nach Sartres Stück „Geschlossene Gesellschaft“) auf dem Festival von Essen vorstellte? „Die Bewegung“ sagt er, „ist ausdrücklicher als das Wort, der Tanz mehr als alle anderen Künste, stärker als das Drama. Das Wort ist dann unnötig, weil eine andere Dimension eintritt“. Für zwei Pianos und Schlagzeuge wurde das Werk von Béla Bartók von Maurice Béjart für die Choreografie ausgewählt, da die Komposition von Pierre Henry nicht fertig wurde. „Nachdem ich dem Festival die Komposition bekannt gegeben habe, habe ich Bartoks Musik gehört. Sie war wie für die Choreografie gegossen!“.
Einen solchen musikalisch glücklichen Zufall benötigte Lerchenberg-Thöny nicht, die eng mit dem hervorragenden Komponisten Peter Ludwig zusammen gearbeitet hat, der die Stimmung der Situationen gekonnt darstellt.
Die „Geschlossene Gesellschaft“ handelt von drei (lebenden) Toten, zwei Frauen, eine homosexuell (Ines), die andere von großer Koketterie (Estelle) und Garcin, eigentlich eine Art von Feigling (grob analysiert). Sie haben alle ein nicht vorbildliches Leben hinter sich und treffen sich in einem Raum, der Hölle … „Die Hölle, das sind die anderen“, der Satz ist berühmt geworden.
Wenn bei Sartres Stück die große sengende Lampe und ein sinnloses Möbel, Stil Napoleon III., am Anfang stehen, ist bei Lerchenberg-Thöny nur eine merkwürdige schwarze Gestalt auf der Bühne zu sehen, ein riesiges kalt beleuchtetes Viereck begrenzt und betont den kleinen engen Raum. Eine schmale Tür im Hintergrund, in scheuem Grün bemalt, erinnert an eine mögliche Hoffnung. Absolute Nüchternheit.
Das absurde Werk - manchmal deswegen auch komisch ist eine Ankündigung kontinuierlichen Leidens. Hier handelt es sich nicht um Ewigkeit, weil die menschliche Zeit nicht mehr existiert. Die sich wiederholenden Situationen sind ein „perpetuum immobile“, sie wiederholen sich ohne Gegenwart oder Zukunft, das ist das Leiden. Lerchenberg-Thönys Konzeption bleibt respektvoll nahe an der von Sartre: Dem Verschwinden aller Chronologie.
Mit einer zweiten Besetzung hat Eva-Maria das Werk neu bearbeitet. Brutal, aber vielleicht etwas näher an unserer gegenwärtigen Welt. Eine Tür öffnet sich. Es ist Garcin, er betritt den engen Raum. Grauer Anzug. Er setzt sich auf das Gerüst. Silentium. Als die Tür sich schließt, ist er wütend, stürzt zur Tür, springt auf den Türrahmen. Er will raus. Die Tür geht wieder auf, eine Frau kommt rein, die Tür geht zu. Mit der gleichen Wut versucht sie sie aufzumachen - Silentium. Die Tür geht auf, eine andere Frau kommt herein … Musik, wunderschöne Streichmusik. Da fängt das Spiel zu dritt an. Ein Paar könnte sich in der Hölle verstehen, zwei Paare auch, aber bei einer „Koketten“, einer Homosexuellen und einem Mann ist Konflikt vorherbestimmt.
Da hat Eva-Maria bei der außerordentlichen Leistung von Jiri Kobylka (Garcin), Mariella Argay (Estelle) und Jana Ritzen (Ines) das Trio ausgesucht, das sich an der Grenze der möglichen menschlichen Körpersprache bewegt hat. Körper, die sich auf den Boden schlagen, die sich selbst vergewaltigen, für den Zuschauer an der Grenze der Verträglichkeit. Es hat nichts genützt, dass irgendwann ein Tango getanzt wurde oder dass Estelle sich verführerisch an Garcin macht. Ines ist da, das Auge der anderen - das Auge begehrend zu Estelle, ablehnend zu Garcin blickend, aber auch die Blicke der anderen zu ihr - das ist vielleicht die größte Gewalt.
Es gab einen Moment, in dem sich die Tür geöffnet und ein Lichtstrahl Akzente von Freiheit gesetzt hat. Einer nach dem anderen kommt zur Grenze der Tür, dann schließen sie die Tür. Vielleicht der erste Akt des Bewusstseins? Zu spät Sie bleiben in den wiederholten Situationen, als langsam das Licht dunkel wird. Es ist ein „Theaterzeichen“, dass die Vorstellung zu Ende geht. Für Ines, Estelle und Garcin geht es weiter.
Ferdinand Holeva (Garcin), Daniella Indrizzi (Estelle) und Lana Ansory (Ines) haben als von Lerchenberg-Thöny ausgewählte erste Besetzung andere Akzente gesetzt, z.B. die Emotion, auf die Sartre in seinen Theaterstücken großen Wert legte.
Mit minimalen und sehr gut durchdachten Mitteln hat Eva-Maria schon dem Auftritt von Ferdinand eine andere Farbe gegeben. Er kam nicht einfach in die Hölle rein. Er weiß nicht genau, wo er sich befindet und das ermöglicht dem Zuschauer die „Reise“ mit ihm. Resigniert ist er uns nah, vielleicht ein wenig interessiert an dem Spiel von Ines mit Estelle und Estelle mit ihm, trotzdem bleibt er indifferent - die Bewegungen sind flüssig und in den Details subtiler. Aber Garcin ist öfter und mehr und mehr irritiert von dem, was er nicht will. Weder die verführerische Estelle, noch die Augen von Ines, die zu Estelle und zu ihm blicken und ihm, ein schlechtes Gefühl geben.
Plastisch umwerfend die zwei Körper, dunkel der von Ines, golden der von Estelle auf dem Boden! Dann rollt Garcin in amouröser Art mit den beiden zusammen, steht auf und schlägt an die Tür. Sie öffnet sich, aber alle drei bleiben in dem Raum, dazwischen Atmungen, Stille und diese Musik, diese Töne, die „streicheln und nicht genug schmerzhaft sind“.
In der Wiederholung der Gesten minimale, klein-subtile Ausdrücke, die die Vergangenheit und die Gegenwart annullieren wollten. „Die Emotion sollte eine Veränderung des Bewusstseins bewirken, das der Mensch von seiner Umwelt hat“.
Lerchenberg-Thöny hat durch ihre filigrane, intelligente, konsequente und sensible Arbeit (Uraufführung in München) etwas erreicht, das immer weniger im Tanz anzutreffen ist - eine physische und psychologische Reaktion des Publikums. Mit „Geschlossene Gesellschaft“ war ein großer Tourneeerfolg und Eva-Maria Lerchenberg-Thöny wurde dafür mit dem großen Preis der internationalen Jury ausgezeichnet. Und welche Jury! Peter Brook, Martin Esslin, Eugene Jonesco (der von Sartres Werk stark beeinflusst wurde).
„Geschlossene Gesellschaft“ von Eva-Maria Lerchenberg-Thöny ist ein wichtiges Tanzstück. Es ist gut, dass es wieder auf einer Bühne zu sehen ist.

Celi Barbier

Online am: 16.12.2009, © www.tanz.at