Merce Material |
Boris Charmatz expliziert Bewegungen und Stillstand in Erinnerung an Merce Cunningham. |
50 ans de danse / 50 years of dance, Tanzquartier Wien, 03.12.2009. |
Was ist Bewegung? Wo beginnt sie und wann endet sie? Kann der Moment davor erkannt werden, sieht man den Moment danach? Welche Rolle spielt die Choreografie, welche der bewegte (tanzende) Körper? Fragen über Fragen, die in einer Veranstaltungsreihe - poetisch Die Haut der Bewegung übertitelt -, initiiert von und im Tanzquartier, beantwortet werden sollen. Ein Versuch in Theorie und Praxis, der sich lohnt und doch zu keiner schlüssigen Antwort führen kann. Die muss sich ohnehin jede selbst geben, ob Theoretikerin oder Praktikerin, Ausübende oder Konsumierende. In der Praxis des Zuschauerraumes ist dies vermutlich leichter, als bei Vorträgen, Diskussionen, Statements und Workshops. Erfährt man es doch immer wieder: Grau ist alle Theorie. Doch sie muss sein. Man darf auch über Tanz und Bewegung und wie sie entstehen, was Choreografie ist und was sie kann, reden, besser ist allerdings, man tut es einfach. Boris Charmatz tat es und versetzte sein Publikum für knappe 40 Minuten in genussvolle Spannung. Charmatz, Intendant des Musée de la danse (schnell hat er das Centre chorégraphique National de Rennes et de Bretagne , entstaubt und voll Ironie umbenannt) blättert in einem dicken Bilderbuch über die Ikone der Tanzgeschichte, Merce Cunningham, und versucht dessen Arbeit als Ausgangspunkt für den heutigen Tanz zu nehmen. Eigentlich wollte er Merce Cunningham mit der Choreografie zum 90. Geburtstag gratulieren. Kurz vor dem festlichen Abend in Paris ist der Meister heuer im Juli gestorben. Aus dem Glückwunsch wurde ein Epitaph. Mehr als 150 Choreografien hat Cunningham auf die Bühne (oder das freie Feld) gebracht und damit hoch aufragende Meilensteine des modernen Tanzes gesetzt. In Windeseile surft Charmatz durch Ein halbes Jahrhundert Tanz (Titel des Bildbandes von David Vaughan) und zeigt zur Musik von John Cage (der Komponist war Freund und lange Zeit auch Mitarbeiter Cunninghams) wie Bewegung entsteht. Cunningham war wie Cage auch, der Meinung, dass jede Bewegung erlaubt sei und überließ das Choreografieren gern dem Zufall. Das Projekt hat bereits eine Geschichte, hat Charmatz doch die Idee des Flip Books zuerst mit TanzschülerInnen ausprobiert und dann mit professionellen TänzerInnen gezeigt, wonach er am Musee de la danse in Rennes das rasante Blättern im Daumenkino auch mit Laien aufgeführt hat. Schön explizierte Charmatz mit seinen TänzerInnen, die bereits mit Cunningham gearbeitet haben, dass Bewegung eigentlich die Summe von Positionen (Stillstand) ist. Je dichter diese Stillstände aneinander gereiht sind, desto flüssiger ist die Bewegung. In der Performance erwecken die TänzerInnen die Bilder des Fotografen wieder zum Leben, behandeln die mit der Kamera eingefangenen starren Posen als chronologisch geordnete Fundstücke aus der Vergangenheit, um sie in die Gegenwart zu versetzen. Cunningham und doch nicht Cunningham, spielerisch und abwechslungsreich. Macht auch nichts, wenn man, weil viel zu jung, Cunningham im Original gar nicht gesehen hat. Die Freude an der zufälligen Bewegung, die uneingeschränkten Möglichkeiten des Aufbaus einer Choreografie (im aktuellen Fall auch durch die Anzahl der Mitwirkenden - 3 Frauen, vier Männer - potenziert), an der Belebung der Bilder, entsteht auch beim unvoreingenommenen Zuschauen. Dass Charmatz und seine TänzerInnen wirklich tanzen, den Körper im Raum zur Musik bewegen, und außerdem nicht verschweigen, wie sehr Cunningham auf eine fundierte Ausbildung mithilfe des klassischen Balletts Wert gelegt hat, ist mutig und könnte der Beginn einer Trendwende sein. In dieser Performance jedenfalls hat der Tanz seinen Körper zurückbekommen. |
Ditta Rudle |
Online am: 07.12.2009, © www.tanz.at |