Norma Jeane-Marylin Monroe

Mit seinem Ballett über die unvergessliche Filmdiva gelingt Peter Breuer der Spagat zwischen niveauvollem Tanz und Unterhaltung ohne in Kitsch abzugleiten.

Marylin, Salzburger Landestheater, 20.11.2009.

Mit seiner neuesten Kreation (Uraufführung 18.Oktober 2009) wagte sich Peter Breuer, seit 18 Jahren bewährter Ballettchef am Salzburger Landestheater, an ein ebenso heikles wie spannendes Thema heran.
Die Idee, die Kultfigur Marylin Monroe auf die Bühne zu bringen, entstand vor ein ein halb Jahren. Was aus dem Leben dieser schillernden Diva kann in welcher Form in einem Tanzstück umgesetzt werden? Wie im Film in aneinander gereihten Clips erschließt sich dem Zuseher die Faszination des Filmstars ebenso wie ihre Zerbrechlichkeit als Mensch. Es gibt einen Handlungsfaden, aber es wird nicht die gesamte Biografie erzählt. In insgesamt 15 Szenen mit einer Pause ergibt sich in knapp zwei Stunden wie in einem Puzzle ein vielschichtiges Gesamtbild; erhält der Betrachter einen Einblick in die beiden Gesichter der Norma Jeane, die als Marylin Kultstatus errang.
Die Interpretation dieser beiden Figuren gelingt - ohne zu sehr abstrakt zu werden - durch die subtile psychologisierende Verwendung von zwei Personen, die die jeweiligen Blickwinkel beleuchten. Dramaturg Andreas Geier schält aus der Lebensgeschichte die wesentlichsten Stationen heraus, setzt in einer viele Facetten von der für ihren Sexappeal berühmten Diva bis zur sich selbst zerstörenden und sich nach Liebeserfüllung sehnenden Frau Norma Jeane berührend-eindringlich in Bühnengeschehen um, das von Choreograf Peter Breuer mit einer klaren eindrucksvollen Bewegungssprache unterstrichen werden.
Um diese Spaltung des Wesens begreifbar zu machen, agiert Marylin als unerreichbarer Star in dieser Überhöhung aus der Masse herausstechend in Spitzenschuhen, bleibt Norma Jeane hingegen „bodennahe“ auf Halbspitze. Ausgehend von Ralph Greenson, der die Schauspielerin in ihren letzten Lebensjahren als Psychiater begleitet hat, wird als Rückblick in einer Art innerer Show das Leben der Norma Jeane-Marylin aufgerollt - bis zu ihrem Tod und der Unsterblichkeit des Mythos, der alle Tiefs und Schicksalsschläge überstrahlt. Zur Straffung der Biografie werden nur stellvertretend einige wesentliche Personen und Sequenzen aus dem Leben des Filmstars ausgewählt und gezeigt. Die zur Verwendung kommende Musik (Ton-Zuspielung) bietet eine gelungene Collage aus Originalaufnahmen wie den allseits bekannten Songs „I wanna be loved by you“ oder „My heart belongs to Daddy“ und dem von Franz-Josef Grümer komponierten Soundtrack, der von Klangeffekten bis zu jazzigem Bigbandsound reicht.
Die Ausstattung von Dorin Gal ergänzt passend das Bühnensetting. In mehrfach bewährter gemeinsamer Arbeit von Peter Breuer und Dorin Gal - ehemalige Tänzerkollegen am Münchner Staatsballett - entstand auch diesmal wieder ein gut betanzbarer freier Bühnenraum. Begrenzt von Spiegeln und verschiebbaren Elementen wie einer Ledercouch oder einem Podium mit bühnenartiger Umrahmung für die Auftritte des Stars aber auch geeignet als Projektionswand für die Videoeinspielungen, in denen Thomas Zengerle gekonnt Originalbilder mit Aufnahmen der die Hauptfigur zeigenden Tänzerin verschwimmmen lässt. Auf der rechten Bühnenseite symbolisieren einige Sitzreihen mit Theaterbestuhlung und darauf drapierten zuschauenden Puppen die permanente Öffentlichkeit des Lebens von Marylin Monroe, der sie sich kaum entziehen konnte. Einsatz der Drehbühne und Verwendung von Versenkungen ergänzen die zum Einsatz kommende Bühnentechnik.
Anna Yanchuk verkörpert das glamouröse blonde Sexsymbol während gleichsam als ihr Alter Ego Kristina Kantsel die dunkelhaarige Norma Jeane darstellt. Die beiden noch sehr jungen Tänzerinnen beweisen neben technischem Können ihre jeweilige Bühnenpersönlichkeit mit großer Ausdruckskraft und stehen in ihrer Gegensätzlichkeit im Zentrum des Tanzgeschehens: Anna Yanchuk überzeugt als strahlend lächelnder Star, der die Herzen der Welt erobert, trotz Tabletten und Alkohol den Schein wahren will, aber gequält von an ihrem Perfektionismus ist und an der Unfähigkeit verzweifelt, auf Dauer eine häusliche Idylle als Heimchen am Herd zu leben und an einer zur Schau getragenen fast sexuellen Anziehungskraft zu Kameras - sei es Fotoapparat oder Filmlinse - zu Grunde zu gehen droht. Ihre Affären und Ehen mit wechselnden Männern als Suche nach dauerhaft erfüllter Liebe ist nur ein weiterer Aspekt dieser unglücklichen Person. Kristina Kantsel überzeugt als einfaches Mädchen Norma Jeane, das immer mehr von der Kunstfigur überlagert wird. Um die vielen Rollen-Gesichter des Filmstars aufzuzeigen, illustrieren 4 Tänzerinnen diese Figuren: Cristina Uta (MM Misfists), Katherine Watson (MM Show), Carla Wieden Dobón (MM Sekretärin) und Lilyia Markina (MM Sugar). Die übermächtige Mutter wird ebenfalls von Cristina Uta sehr plakativ dargestellt. Marian Meszaros ist der intellektuelle Arthur Miller, Daniel Asher Smith ein charmanter Clark Gable und Alexander Korobko der sympathische Joe DiMaggio. Maria Gruber ist eine bestimmende Paula Strasberg, Junior Demitre der einfühlsame Fotograf Bert Stern. Josef Vesely besticht als Psychiater Ralph Greenson, der zwischen diesen beiden Frauenfiguren steht, hin- und hergerissen zwischen der attraktiven Kunstfigur und dem natürlichen, schüchternen, verletzlichen Mädchen. Dass man vor allem in kleinen Ensembles bei kurzfristigen Ausfällen rasche Lösungen finden muss - wurde hier top-professionell gezeigt. Da die Grippe auch vor Tänzern nicht halt macht, musste Sokol Bida am Vorstellungstag mit Fieber absagen. Ingo Meichsner, der seine Tänzerkarriere bereits beendet hat und als choreografische Assistenz in die Entwicklung des Stücks einbezogen war, sprang aus dem Stand ein und machte seine Sache als Billy Wilder dafür sehr gut.
Die 16köpfige Compagnie bot eine sehr starke Gesamtleistung, tanzt mit viel Einsatz und Hingabe, was das begeisterte Publikum mit viel Beifall honorierte.

Ira Werbowsky

Online am: 29.11.2009, © www.tanz.at