Makaber bis komisch

Variationen von Anton Tschechows letztem Stündlein von Toxic Dreams

Ich sterbe, brut Wien, 25.11.2009.

Im dritten Teil des Tschechow-Projektes von Yosi Wanunu beschäftigt sich seine Performance-Truppe Toxic Dreams mit dem „Realismus des Lebens“ und lässt den Dramatiker Anton Tschechow 70 Minuten lang ununterbrochen sterben. Nicht direkt auf der Bühne allerdings, sondern indirekt als Projektion auf der Leinwand. Anfangs als vorproduzierten Film, später wird von vier Kameras übertragen, was sich im Hotelzimmer von Badenweiler (ein flugs auf der Bühne des brut aufgebautes Hotel-Häuschen, in dessen Innerem Cezary Tomaszewski (Tschechow) und Anna Mendelssohn (Olga Knipper und eine Tschechow-Forscherin) das Sterben proben. Das verläuft nicht immer gleich, denn von Augenzeugen, Historikern und RomanautorInnen wurden ungezählte ganz unterschiedliche Versionen der letzten Worte in der letzten Stunde des mit 44 Jahren an Tuberkulose verstorbenen Russen überliefert.
Tschechow ist für Toxic Dreams nur Anlass, sich mit Realität und Fiktion auseinanderzusetzen. Ging es im ersten Teil („Vanja 1“) um die Suche nach den Vorbildern für das realistische Instrumentarium des Autors in Russland, so wollten sich Wanunu und sein Team im 2. Teil („Vanja 2“) „so weit wie möglich von den Prinzipien des Realismus entfernen“ und führten „Pink Vanja - eine Oper in 4 Akten“ auf. Im dritten und letzten Teil des sich über vier Jahre hinziehenden Projekts geht es nicht mehr um das Stück „Onkel Vanja“ sondern um den Autor selbst, oder eben sein letztes Stündlein.
Das Stöhnen und Röcheln des Sterbenden geht zu Herzen; die Beschönigung und Dramatisierung in der Erzählung seiner Frau, Olga Knipper, reizen zum Lachen. Um das Publikum nicht in Gefühlen zu ertrinken zu lassen, setzt Anna Mendelssohn die Brille auf und ist statt liebevoller Gattin oder trauernder Witwe, eiskalt analysierende Forscherin, die sämtliche Berichte gelesen hat. Bald findet sie aus dem Labyrinth aus Fiktion und angeblicher Wirklichkeit nicht mehr heraus. Das ist anfangs recht amüsant, doch weil sich aber im Lauf der Jahre so viele Varianten der Erzählung vom Tod des Anton Tschechow in Badenweiler angesammelt haben, genährt nicht nur durch Olgas Lamento, sondern auch durch (angebliche) Augenzeuge, durch Romane und Kurzgeschichten, werden Röcheln, Husten und Sektschlürfen, Stammeln, Weinen und Erschrecken allmählich einförmig und berühren nicht mehr. Bald wünscht man sich, der Dichter möge endlich zu Ende gelitten haben, denn wie es wirklich war, werden wir ohnehin nie erfahren. Relevant ist die Realität auch nicht. Die Erzählung, ob Biographie oder Chronik, ist immer ein Mythos. Das ist wohl auch die Moral der sorgfältig inszenierten und darstellerisch grandios gezeigten unendlichen Geschichte - die Realität ist immer eine andere.

Ditta Rudle

Online am: 29.11.2009, © www.tanz.at