Die dahinter sieht man doch

Mensch und Maschine in Konkurrenz und Kongruenz

TrikeDoubleThree, Tanzquartier Wien, 19.11.2009.

In der Mitte der Arena steht eine verschieb- und erweiterbare Leinwand, davor (dahinter) sitzt das Publikum. Wenn die vier rot gekleideten Tänzerinnen zu ihrem Bewegungsmarathon starten, ist auf jeder Seite der Wand nur die Hälfte des Geschehens zu sehen. Das bleibt nicht lange so. Die Leinwand wird quasi durchsichtig und zeigt als Videofilm, was „hinten“ geschieht. Vier Tänzerinnen bewegen sich live auf der Bühne, ihre Abbilder sind als Avatare auf der Leinwand zu sehen und werden von jeder Tänzerin in die Bewegung einbezogen. Sie versucht sie zu überdecken, nachzuahmen, zu verdoppeln, mit ihnen zu verschmelzen, eine Gegenbewegung zu erzeugen oder auch sie einfach zu ignorieren - ob die Live-Tänzerin auf den Avatar reagiert oder das Abbild von ihr gesteuert wird, wird niemals klar.
„TrikeDoubleThree“ ist die logische Fortsetzung von Christine Gaiggs Arbeit mit dem Komponisten Bernhard Lang. Die Anfangsfrage war, wie elektronische Musik in Bewegung abgebildet werden kann. Gaiggs choreografische Überlegungen beziehen einen „Visual Loop Generator“ ein, mit dem kurze Sequenzen zerschnitten und wiederholt werden. Waren bisher (die „Trike“-Serie hat 2004 ihren Anfang genommen) Solos zu sehen, so hat sich die Choreografin nun an eine Gruppenchoreografie gewagt und die „Loop-Grammatik“ mit vier Tänzerinnen und ihren Abbildern auf der Videowand dargestellt. In diesem Fall darf das Werk die Weisheit loben: Wer wagt gewinnt auch.
Den Tänzerinnen, Sara Canini, Amanda Piña, Lieve De Pourcq und Veronika Zott (sie ist als Protagonistin der Soloaufführungen mit der Technik vertraut), wird dabei schweißtreibender Körpereinsatz abverlangt. Sie bewegen sich in stark akzentuiertem Rhythmus und erzeugen den Begleitsound selbst, indem sie auf Metallklangplatten stampfen, springen, drehen. Die akustisch verstärkten Schritte werden als Material abgewandelt, zerlegt und wiederholt. Die Interaktion geschieht vielfach: zwischen den Live-Tänzerinnen, zwischen Tänzerin und Abbild (das muss nicht immer ihr eigenes sein), zwischen Tonmaterial und Tanzenden und schließlich auch zwischen der Choreografin den Tänzerinnen und dem Klang. Das Gefüge aus Live-Tänzerinnen, bewegten Bildern, Klang und Raum im wechselnden Licht wird zur sich selbst antreibenden Maschine, als deren integriertes Element die Choreografin Gaigg neue Impulse gibt, indem sie in Kommunikation mit den Tänzerinnen einzelne Bewegungsmomente dem Computer via Live Triggering (Steuerung) signalisiert.
Aber auch sie ist nicht omnipotente Steuerfrau, auch wenn sie in ihrer starren Haltung und den knappen Befehlen so aussieht. Wer oder was wen oder was steuert, ist in ständigem Wechsel nicht genau festzuhalten. Machen die Tänzerinnen die Geräusche? Oder steuern die Geräusche die Tänzerinnen? Welche Rolle spielen die Bewegungen der Abbilder auf der Wand? Was ist Original, was Nachahmung? Wer passt sich wem an? Und wer hält die Fäden in der Hand?
Die Antworten auf all diese Fragen, sind immer nur für eine kurze Sequenz richtig, dann ändert sich das Setting und wer / was gerade befehlen konnte, muss sich beugen.
Eine überaus spannende Fortsetzung der Arbeit von Gaigg und Lang, die nicht nur vom hohen technischen Aufwand dieses Konzepts sondern auch vom intensiven körperlichen Einsatz der vier Tänzerinnen lebt. Doch wenn eine Maschine exakt und ohne zu Stocken arbeitet und das Prinzip ihres Funktionieren einmal erkannt ist, wird das Zuschauen nach 40 Minuten ein wenig langweilig. Das Ende ist da, wenn die Stunde um ist und die Tänzerinnen erschöpft sind.. Das Maß der Zeit eines abendfüllenden Stückes wird so zum Teil der Maschinerie.

PS: Das Programmheft ist diesmal mit drei Sternen zu versehen. Wysiwyg - What you se eis what you get. Das Publikum bekommt nicht nur eine leicht verständliche, genau Beschreibung der Überlegungen Gaiggs, sondern kann die Theorie ohne Anstrengung in der Praxis wieder erkennen. Ein Beweis, dass der Kontakt mit dem Publikum in Wort und Schrift und Bewegung auf der Bühne sehr wohl möglich ist.

Ditta Rudle

Online am: 24.11.2009, © www.tanz.at