Ein visuelles Klangerlebnis

spielzeit'europa eröffnete mit der zeitgenössischen Musik-Tanz-Produktion von Wolfgang Rihm und Sasha Waltz eine längerfristige Zusammenarbeit mit der Berliner Choreografin.

Jagden und Formen (Zustand 2008), Haus der Berliner Festspiele, 20.11.2009.

Die in weißen Kleidchen tanzenden Mädchen wirken wie luftige Schneebällchen. Vor dem Orchesterpodest stehen auch die beiden Geigerinnen, die den Anfang des Stücks einleiten, bevor die anderen Instrumente einsetzen. In die Reihe der Mädchen gesellt sich eine Frau in schwarzem Anzug. Sie zappeln und hüpfen, winkeln ihre Arme in Marionetten-Manier oder begleiten mit kleinen, schnellen Gesten den Rhythmus der Musik. Später wird die Schwarze den Kontrapunkt in der Gruppe auch tänzerisch darstellen. Das erinnert an Harlekin und vielfache Columbinen. Das humoristische Element ist jedenfalls auch in der Musik zu hören.
Die schwarz-weiße Gruppe ist ein wiederkehrendes Motiv: Am Ende wird sie den Tanzwahn einleiten, bis nur noch eine weiße Tänzerin in der zum Standbild gefrorenen Gruppe rast und schließlich zu Boden fällt, bevor die letzten Klänge des Orchesters verstummen.
„Jagden und Formen (Zustand 2008)“ ist eine Komposition, die von Wolfgang Rihm immer wieder überarbeitet wird. In seinem „Zustand 2008“ mit den TänzerInnen von Sasha Waltz & Guests und dem Ensemble Modern kam es in Frankfurt zur Uraufführung. Die komplexe und dynamische Komposition mit stellenweise jazzigen Anklängen und einem Arsenal an Schlagwerken hat Sasha Waltz zu unterschiedlichen Bewegungsmustern angeregt, die sich collagenhaft aneinanderfügen. Sie schafft es, Rihms Musik intensiver hörbar zu machen, als es ohne die körperliche Sinnlichkeit wohl der Fall wäre.
Das trifft insbesondere auf jene Stellen zu, in denen Sasha Waltz die Gruppe agieren lässt und das spielerische Element in den Vordergrund stellt (auch die Burschen nehmen den beschwingt-jugendlichen Bewegungshabitus der Mädchen auf). Immer wieder laufen die TänzerInnen in linearer Anordnung über die Bühne, rollen über den Boden und besetzen den Bühnenraum in unterschiedlichen Konstellationen. Ein Pas de deux der verschlungenen Gliedmaßen in Sasha Waltz' „Cluster“-Manier kommt zum Einsatz, wenn die Musik unentschlossen klingt und die Richtung nicht zu finden scheint.
Immer wieder mischen sich MusikerInnen ins tänzerische Geschehen. Die Fagottistin wird von Tänzern in für einen Bläser abenteuerlichste Positionen gehievt (mit dem Kopf nach unten, während sie ihr Solo bläst), bevor sich am Ende (fast) das gesamte Orchester mit den Instrumenten auf den Boden legt um in einem Moment der Ruhe zu verharren. Doch es ist nur die Ruhe vor dem Sturm, denn die Musik und der Tanz steigern sich im Finale zu einem furiosen Crescendo.
Sasha Waltz und ihr Ensemble arbeiten niemals gegen die Musik und sind ihr doch nicht sklavisch ergeben. Der Tanz findet wie die Musik zu eigenständigen Lösungen und sie ergänzen einander bestens. Rihms für ungeübte Ohren schwer zu rezipierende Partitur wird zu einem hinreißenden, visuellen Klangerlebnis. Das hervorragende Ensemble Modern unter der Leitung von Franck Ollu spielt mit temperamentvollem Verve. Der Umgang mit den TänzerInnen und ihren atemberaubenden Manipulationen gelingt den MusikerInnen auf natürliche Weise und zeugt von gegenseitigem Vertrauen.
Sie alle wurden vom Publikum im ausverkauften Haus der Berliner Festspiele zurecht bejubelt und gefeiert.
Das Ganze war bei der spielzeit'europa der Berliner Festspiele zu sehen. Seit vier Jahren wird sie von Brigitte Fürle (u.a. ehemalige Kuratorin bei den Wiener Festwochen und beim Young Director's Project bei den Salzburger Festspielen) künstlerisch geleitet und bietet eine spannende Mischung aus außergewöhnlichen Theater- und Tanzevents. Dieses Jahr beginnt auch die längerfristige Zusammenarbeit mit der Berliner Choreografin Sasha Waltz mit den Stücken „Jagden und Formen (Zustand 2008)“ und „Impromptus“ zu Schubert - ein sicherlich interessanter Kontrast.

http://berlinerfestspiele.de/de/aktuell/festivals/08_spielzeiteuropa/sze_start.php

Edith Wolf Perez

Online am: 24.11.2009, © www.tanz.at