Und ewig lockt das Weib

Davide Bombana zeigt seine Version des spanischen Vamps in der Volksoper

Carmen, Volksoper Wien, 21.11.2009.

Noch mehr als Dichter und Komponisten hat die ungezügelte Inkarnation der femme fatale, Carmen, Choreografen und Choreografinnen inspiriert. Diese nur aus Körper und seinen Begierden bestehende Frau, die sich keinem Gesetz beugen will, ist die Bühnenfigur schlechthin, geboren aus Männerfantasien, erotisch, unabhängig, faszinierend und nicht zu halten. Kaum zu zählen sind deshalb die Ballette, die mit ihr als Titelfigur entstanden sind. Genannt sei nur die Version des spanischen Tänzers und Choreografen Antonio Gades, die durch den gleichnamigen Film von Carlos Saura mit Laura del Sol als Carmen allgemein bekannt ist, mit der sich aber auch kaum eine andere Version messen kann. Sicher nicht die des italienischen Choreografen Davide Bombana, die in der Volksoper fast uraufgeführt worden ist. Nur fast, weil Bombana seine 2006 erstmals gezeigte einaktive „Carmen“ nun für Wien auf zwei Akte erweitert hat.
Ist bei Gades alles barbarisch, blutvoll, brutal und direkt - die TänzerInnen, die Flamenco-Musik, die harte, aggressive Choreografie -, so hat Bombana schon mit der Musikauswahl geglättet und verziert und alles Wilde mit Zuckerwatte überdeckt. Einzig die Passagen mit den Tambours du Bronx lassen etwas von der Dramatik und Tragik ahnen, die die handelnden Personen umgeben. Doch wenn der italienische Choreograf auf Erotik setzt und Escamillo, den gefeierten Torero, Carmens letzte Flamme, als Stiergott (Gregor Hatala) zur brutalen Begattung antreten lässt, dann kippt das Geschehen ins Lächerliche. Was wohl auch dem Choreografen aufgefallen ist, denn seine Toreros tänzeln in roten Frauenkleidern an, kokettieren mit riesigen Fächern und singen dazu. Ja, da hat der Choreograf die Lacher auf seiner Seite und das Publikum wacht endlich aus dem wohligen Dämmerschlaf.
Carmen sollte eine Traumrolle für eine extrovertierte, temperamentvolle und körperbewusste Tänzer sein. Ketevan Papava hat die von Bombana wie das gesamte Ballett im neoklassischem Stil choreografierte, überaus schwierige Rolle übernommen und technisch hervorragend bewältigt. Dass ihre Carmen mehr einer perfekten Sexmaschine gleicht als einer lebenshungrigen Frau aus Fleisch und Blut, mag dem Fieber, der Konzentration und Nervosität einer Premiere zugeschrieben werden. Immer locker und darstellerisch vortrefflich ist Mihail Sosnovschi, der mit glutvoller Verve Carmens eifersüchtigen Ehemann Garcia tanzt und den Applaus auf seiner Seite hat. Begeistern konnte auch Karina Sarkissova als Micaela, die im Vorbild für sämtliche „Carmen“-Version, der Oper von Georges Bizet, ja recht mager und blass wegkommt. Bombana macht sie zur gefühlvollen Frau in einer Alltagsehe, die mit aller Kraft versucht, die erkaltete Glut von Josés Liebe wieder zu entfachen. Man wünscht es gelänge ihr, so fein sind ihre Solis und so schmiegsam ist sie in den Pas de deux. Bestens bewältigt auch Kirill Kourlaev mit kräftigen Sprüngen seinen José - ein egoistisches, verführtes Mannsbild, das sehr wohl weiß, dass da alles schief läuft, aber halt nicht anders kann.
Wie die SolistInnen kommt auch das Ensemble mit den von Bombana erdachten schnellen Schritten und ausufernden Bewegungen des Oberkörpers gut zurecht. Eine der eindrucksvollsten Szenen ist sicher der Kampf im ersten Akt zwischen Carmen und der Fabrikarbeiterin (Gala Jovanovic) im Beisein der Kolleginnen.
Ist Bombana in seinem Einakter noch mit der bekannten Carmen-Suite von Rodion Schtschedrin und den Tambours samt kleinen Einschüben von Meredith Monk ausgekommen, musste er für die Erweiterung neue Musik hinzufügen. So schwebt ein frommer Gesang aus einem Marienchor des zeitgenössischen russischen Komponisten Alexander Knaifel aus den Lautsprechern, der Schweizer Klangkünstler Walter Fähndrich steuert „Musik für Räume“ bei und Béla Fischer (Korrepetitor des Balletts der Wiener Staatsoper und Volksoper und Komponist) aarrangierte die Takte aus der genannten Oper. Guido Mancusi dirigierte die vom Orchester der Volksoper live gespielten Teile mit Umsicht, wenn auch nicht gerade feurig.
Bombana und sein Ausstatter Dorin Gal lassen die Handlung in einer verglasten Arena abrollen, wobei Zeit und Lokalkolorit keine Rolle spielen. Das Weib lockt immer und überall. Dass sich der Choreograf auch zu dem unsäglichen Accessoire eines Videos im Hintergrund hinreißen ließ, ist unverzeihlich und auch die beiden Macher, Davide Montagna, Enrico Maazzi, konnten mit ihrem Werk keine Begründung für sein Vorhandensein liefern. Aber es passt halt zu einer leicht verdaulichen, mit viel gespreiztem Bein und dem Stier im Manne garnierten Version von „Carmen“.

Nächste Aufführungen: 25. und 28., 11., 15. 12., 24. Und 28. 1. 2010
http://www.volksoper.at/

Ditta Rudle

Online am: 24.11.2009, © www.tanz.at