Rooster in Ungarn

Ein besonderes Geburtstagsfest: Ballett Györ feiert 30 Jahre Bestehen mit einem bunt gemischten Programm

30 Jahre Ballet Györ, Györ, 04.11.2209.

Die international renommierte Ballettcompagnie der westungarischen Stadt Györ feierte Ende Oktober ihr 30jähriges Bestehen mit einer Ballettpremiere, die dem festlichen Anlass entsprechend einen optimalen Einblick über die tänzerische Bandbreite der Truppe gibt. Dass das Ensemble unter der engagierten Leitung von János Kiss seit vielen Jahren auf dem richtigen Weg ist, wurde in den darauf folgenden Repertoire-Vorstellungen bekräftigt - gibt es doch auch eigene Vorstellungen für Jugendliche und Studenten, die immer bestens besucht sind: Tanz hat in Ungarn Tradition, das Interesse der kritischen Jugend daran ebenfalls. Entsprechend groß war die Begeisterung des vorwiegend jungen Publikums am Dargebotenen.
Román Sàndor kreierte zu diesem Anlass „Concerto 5.tétel“ („5th Movement“) zur Musik von Béla Bartók. Der Absolvent der ungarischen Ballett Academie in Budapest leitet das von ihm gegründete „ExperiDance“; ein ungarisches Folk-Ensemble, das auch Contemporary Dance in seine Choreografien einbezieht und damit Grenzgängertum im Bereich des Tanzes bestreitet. Dieses Tanzwelten übergreifende Wirken äußert sich auch in seinen neoklassischen Choreographien durch das Einbeziehen ungarischer Tanzelemente wie im hier präsentierten Stück „Concerto“. Dieses Stück wurde also von einem Ungarn zur Musik eines ungarischen Komponisten in der Ausstattung einer Ungarin (Judit Gomár) für eine ungarische Compagnie geschaffen - als nationale Wertschätzung der vor 30 Jahren aus Eigeninitiative der damaligen Abschlussklasse der Budapester Ballettakademie ins Leben gerufenen Truppe, die Iván Markó (ehemaliger Tänzer bei Maurice Bejart) mit der Leitung betraut hatte. So diese Zeitspanne übergreifend, könnte man auch den Succus dieses handlungsfreien Werkes sehen - ein fast magisch anmutender Tanzmeister (Zoltán Jekli) bringt das Corps zum Tanzen - als Bogen aus der Vergangenheit über die Gegenwart bis in die Zukunft (durch Einbeziehen der Kinder aus der Ballettschule in Györ).
Danach folgte der internationale Teil Geburtstagsprogramms: „Der Tod und das Mädchen“ in der Choreografie von Robert North zur Musik von Franz Schubert. Dieses Piece des in Amerika geborenen und in England ausgebildeten Tänzers und Choreografen, der seit 2007 die Compagnie von Mönchengladbach leitet und Professor bzw. Direktor der Ballettakademie der Hochschule für Musik und Theater in München ist, besticht durch berührende Schlichtheit. Nach dem witzigen „Troy Game“, das u.a. auch im Repertoire des Ballett Györ ist, nun ein ganz anders geartetes Stück: aus einer Gruppe von mehreren Paaren löst sich ein Mädchen, das als Auserwählte der Anziehungskraft des geheimnisvollen Mannes nicht entrinnen kann. Balázs Pátkai überzeugt als sensibler, aber unerbittlicher Tod, dessen Ausstrahlung an unheimlicher Macht seiner Partnerin Virág Sóthy zum Verhängnis wird - je mehr sie sich dagegen ankämpft, umso sicherer ist, dass sie am Ende ihm gehören wird - wenn sie entseelt in seine Arme sinkt.
Nach der Pause dann das absolute Highlight: „Rooster“ von Christopher Bruce zu den unvergessenen Welt-Hits der Rolling Stones wie „Good bye Ruby Tuesday“ oder „Little red Rooster“ (Küstüme: Marian Bruce; Beleuchtung: Tina Machugh). Der Brite mit internationaler Karriere hat für viele Ensembles gearbeitet; darunter von 1994 - 2002 als artistischer Direktor der Rambert Dance Company und zuletzt als freischaffender Choreograf. Sein Tanzstück „Rooster“ ist eine geniale tänzerische wie unterhaltsame Auseinandersetzung im Kampf der Geschlechter - flott und fetzig getanzt; wollen die Burschen die Mädels beeindrucken - eben gleichsam wie die balzenden Hähne die kecken, gackernden Hühner für sich gewinnen wollen. Wieder überragend Balázs Pátkai als umwerfend eitler, von sich eingenommener chauvinistischer „Gockel“. Sehr erfreulich auch das Wiedersehen mit den beiden Absolventen der Ballettschule der Wiener Staatsoper Benedict Gromann und Stefanie Pöschl, die hier beide bereits solistisch eingesetzt sind.
Dieses Programm (mit Tonbandzuspielung) spiegelt die Vielseitigkeit des Ballett Györ wider. Dass hier mit viel Seele und Herz getanzt wird, zeigt sich auch in den Fotos im liebevoll zusammengestellten Compagniebuch, das zum aktuellen Jubiläum herausgegeben wurde. Gastspiele nach New York im Jänner anlässlich 20 Jahre Mauerfall mit einem Strawinsky-Programm („Petruschka“ von Dimitri Simkin und „Rite of Spring“ von Attila Kun) sowie nach Deutschland und Österreich (2. März Festspielhaus Salzburg) und eine „Carmen“-Premiere im Mai (Choreografie: Robert North) ergänzen die Festivitäten.

Ira Werbowsky

Online am: 13.11.2009, © www.tanz.at