Schlichtungsstelle

Paul Wenninger verwandelt einen Supermarkt in eine Installation in Bewegung und eine bewohnte Landschaft ohne Darsteller.

47 Items Ingeborg & Armin, Tanzquartier Wien, 06.11.2009.

Auf der Bühne ein hell erleuchteter Supermarkt, der alles bietet, was man so braucht: Bierkisten, eine Tiefkühltruhe, Obst, Gemüse, Stehleitern, Reis, Weizen, Katzenstreu, Glühbirnen und das eine oder andere nützliche Kleidungsstück des täglichen Gebrauchs.
Die Mitte der Bühne ist noch frei, doch bald füllen ihn die vier Tänzerinnen mit den Waren, schichten sie zu Skulpturen, bauen einen Tisch auf, mit Brot, Rotwein und Schmankerln. Die Schlichterinnen nehmen das Brot aus dem Körberl, räumen Teller ab, ersetzen die vollen Weingläser durch halbleere und durch ausgetrunkene, in denen nur noch ein kleiner Rest am Boden blieb - das Mahl wurde verzehrt. Mehrmals wird der Tisch abgebaut und an anderer Stelle wieder aufgebaut ...
Im Text von Michael Donhauser - Ausgangsmaterial für Paul Wenningers Choreografie - sitzen an diesen Tischen die Götter, die im Gasthaus von Ingeborg und Arnim einkehren.
Ingeborg und Armin sind ein älteres Ehepaar. Er braucht schon einen Stock, zum Aufstehen - die Schlichtung aus Verpackungen und Waren hat die Form der Liege hervorgezaubert, Arnim wird durch einen Hut, eine Packung Unterhosen, ein paar Gartensandalen und eine Bierflasche sichtbar. Ein Walking Stick erzählt von seiner Gehschwäche.
Ingeborg ist eine Kleiderschürze und ein paar Schlapfen und wäscht in der frisch aufgeschichteten Waschmaschine.
Die fleißigen Tänzerinnen bauen unermüdlich an Arnim und Ingeborgs Universum - ein Sofa, einen Fernsehen, ein Bett und Mauern, Mauern, Mauern. Am Ende ist das am Anfang leere Bühnenzentrum eine voll angeräumte Landschaft.
Paul Wenninger arbeitet mit Akribie und Genauigkeit - nur monatelanges Proben kann zu der Präzision führen, bei der jeder Handgriff in Sekundenschnelle sitzen muss. Selbst wenn einmal die Mauer einknickt, ist nicht mehr sicher, ob es ein Versehen war - schließlich sind auch Ingeborgs und Arnims Bau-Unternehmungen nicht durchwegs erfolgreich. „Der Anbau glich einem Schuppen, manchmal auch einer Garage“, schreibt Donhauser.
Aber auch ohne den Text gäbe es genügend Lesarten für dieses Stück. Es könnte eine Parabel auf unsere Müllgesellschaft sein, auf eine Leben, in dem wir unsere Freiheit immer mehr einschränken, uns immer mehr zubauen und uns mit irgendwelchen Waren eindecken, die uns unseren Platz rauben. Dass Wenninger Donhausers Text im Programm abdruckt und die Deckung zwischen Gesehenem und Gelesenem mühelos gelingt, bewahrt den Choreografen vor solch banalen Interpretationen.
Der Text rechtfertigt aber auch die erste halbe Stunde, in der das Aufschichten und Abbauen der Gegenstände als reiner Selbstzweck erscheint. Erst in der zweiten Hälfte formieren sich die Installationen zu einem dramatischen und spannenden Bogen (kongenial unterstützt durch das Soundenvironment von Nik Hummer und die Lichtregie von Reto Schubinger), werden Wenningers Intentionen sicht- und spürbar.
Die Tänzerinnen - Ewa Bankowska, Laia Fabre, Lisa Hinterreithner und Esther Koller - bringen in den 60 Minuten eine beachtliche Leistung, auch wenn sie eine eigenartige Rolle spielen: Der Applaus gilt dem Geschick, mit der sie Installationen aufbauen und so die leblosen Gegenständen eine lebendige Geschichte erzählen lassen, wobei sie selbst wie seelenlose Machinen agieren.

Edith Wolf Perez

Online am: 07.11.2009, © www.tanz.at