Gegenwart ohne Alternative |
Nottdance09 - Internationales Festival für Experimentellen Tanz und Performance ist besser als sein (britischer) Ruf als sperriges Festival für Konzept-Tanz kontinentaleuropäischer Prägung. |
Nottdance09, Nottingham (GB), 15. bis 25. Oktober 2009. |
Wow, wow, wow!, feuert die britische Performerin Ana Krzystek ihren finnischen Kollegen Timo Fredriksson an. Die Ermunterung fruchtet, Fredriksson intensiviert seine harte, staccato-artige Triumpfgestik. Repetitiv schleudert er seinen rechten Arm mit geballter Faust in die Höhe und hält dort sekundenlang inne. Die Luft dampft. Die Stimmung ist aufgeheizt und überdreht wie in einem Fußballstadion. Wir befinden uns im Lakeside Arts Center, am siebenten Abend von Nottdance09, dem Internationalen Festival für Experimentellen Tanz- und Performance in Nottingham. Das finnische Trio Oblivia zeigt soeben in Entertainment Island 1, wie sehr die jugendliche Bewegungskultur ältere Menschen überfordert und ihren Körper entfremdet. Unterstützt vom Bundesministerium für Unterricht, Kunst und Kultur nehme ich von 15. bis 25. Oktober am Festival Nottdance09 im 290.000 Menschen zählenden Nottingham teil. 170 km von London entfernt richtet das kleine, ortsansässige Tanzhaus Dance4 zum 20sten Mal dieses Festival mit vergleichsweise bescheidenen Mitteln aus. In der britischen Dance-Community gilt Nottdance als sperriges Festival für Konzept-Tanz kontinentaleuropäischer Prägung. Eine Einschätzung von Wieke Eringa, Artistic Director des Tanzhauses Yorkshire Dance in Leeds, welche die Programmierung widerlegt. Weder verliert sich Nottdance09 in Theorie und Abstraktion, noch in Körperdekonstruktion oder Sprengung der Kunstgattung. Stattdessen zeigt das Festival handwerklich profunde, sinnliche und häufig humorvolle Produktionen, die utopie-abstinent die Gegenwart befragen. Geschickt bündelt Paul Russ, künstlerischer Direktor von Nottdance09, Highlights der internationalen experimentellen Tanz- und Performanceszene in unterschiedliche Formate. Vierzehn verschiedene Kompanien, Kollektive oder Solokünstler spielen und tanzen an elf Abenden in drei Veranstaltungshäusern. Das britische Spektrum erweitern Künstlerinnen und Künstler aus Australien, Belgien, Finnland, Frankreich, Mosambique und Portugal. Workshops und lecture demonstrations über choreografisch-dramaturgische Verfahren und deren ästhetische Materialisierung auf der Bühne runden das Angebot ab. Die Indoor-Aktivitäten kontrastiert Russ mit Interventionen im öffentlichen Raum: einem HipHop-Nachmittag in einem populären Einkaufszentrum, Street Dance in einem ausgewählten Straßenzug und der inszenierten Wanderung Dream-Work des englischen Performer-Duos Bodies in Flight. Während Russ indoor das kunstinteressierte, überwiegend studentische Publikum bedient, versucht er sich im Freien vermehrt mit tanzfernen Bevölkerungsschichten zu verlinken, um das Image eines exklusiven Festivals im Elfenbeinturm auszuhebeln. Tatsächlich erreicht er mit dem MTV-kompatiblen HipHop im Broadmarsh-Shopping Zentrum Menschen, die sonst nie ein Tanzhaus betreten. Als roten Faden für Nottdance09 wählt Russ den Begriff Identität. Was auf den ersten Blick inflationär wirkt, entpuppt sich als ungebrochen aktuell. So stellen sich die fünf Tänzer des Les SlovaKs Dance Collective in ihrer Opening Night ihrem volkstanzgeprägten, raufereierprobten und alkoholdurchtränktem Machismo. Der Franzose Rachid Ouramdane konfrontiert in Far beklemmend intensiv Frankreich mit seiner Kolonialschuld. Das britische Duo New Arts Club verwebt höchst amüsant in This is Now ihre nostalgischen Erinnerungen an 80er Pop-Hits mit Comedy und zeitgenössischem Tanz. Wow, wow, wow!, ermuntert sich Timo Frederiksson selbst und hüpft dabei minutenlang, hysterisch winkend auf und ab, ehe er auf die Knie sinkt und sich ein letztes Mal aufbäumend zusammenbricht. Den Oberkörper nach vorne auf die abgewinkelten Ellbogen gestützt, berührt seine Stirn den Boden. Der Rücken hebt und senkt sich heftig, Frederiksson atmet stark. Am hellblauen T-Shirt zeichnen sich dunkle Schweißflecken ab. Als der ältere, schlaksige Mann den Kopf hebt, ist sein Gesicht rot vor Anstrengung. Der Anspruch in einer wettbewerbsorientierten Gesellschaft mitzuhalten, geht unter die Haut. Die messerscharfe Analyse unserer Hochleistungsgesellschaft bleibt resignativ im Raum hängen.
|
Ingrid Türk-Chlapek |
Online am: 27.10.2009, © www.tanz.at |