Von der Gewalt des Wortes und der Schrift |
Sidi Larbi Cherkaoui tanzt mit den Büchern |
Apocrifu, Festspielhaus St. Pölten, 08.10.2009. |
Apokryphen, das sind geheime Schriften. In der christlichen Religion werden so jene Texte genannt, die von den Kirchenvätern nicht in den Kanon aufgenommen worden sind , meist weil sie nicht ins Konzept gepasst haben. Apocrifu nennt der erst 32jährige Ausnahmetänzer und -choreograf Sidi Larbi Cherkaoui sein jüngstes Stück für drei Tänzer, eine Marionette, den siebenstimmigen Chor A Filetta aus Korsika und viele Bücher. Diese spielen mit als Trittsteine für den Weg der Tänzer (Sidi Larbi Cherkaoui, Dimitri Jourde und Yasuyuki Shuto), als Jonglierobjekte, Wurfgeschosse und auch intensive Lektüre. Die Macht des geschriebenen Wortes, der man sich unterwerfen oder auch entziehen kann, wird beschworen. Die heiligen Bücher sind auch Symbol für die Religionen, die sich bekämpfen, obwohl sie so viele Gemeinsamkeiten haben. Im Lauf des Abends werden die Bücher von Schwertern abgelöst, die Schrift, in grausamer Marter, in die Haut geritzt, zum Werkzeug des Krieges. Cherkaoui ist kein Esoteriker und kein Friedensapostel, sondern vor allem Künstler, geschmeidiger und kraftvoller Tänzer und kluger Choreograf, der ganz uneitel, wie nebenbei, den Kontakt zum Publikum niemals verliert. Eine Prise Humor kann da trotz aller schwarzer Weltsicht nicht schaden. Und die traurigste Figur im Spiel, der kleine böse Mann aus Holz im Designer-Anzug, wir zwar erstochen, doch gleich wieder zum Leben erweckt. Cherkaoui, von Alain Platel für seine Compagnie Les Ballets C. de la B. entdeckt und wohl auch geformt, hat sich zwei exzellente Tänzer als Mitspieler ausgesucht. Yasujuki Shuto war Solotänzer im Tokyo Ballet und brilliert mit einer fundierten klassischen Ausbildung. Dimitri Jourde ist nicht nur Tänzer sondern auch Zirkusartist, er setzt seine akrobatische Kraft gegen die Disziplin Shutos und die Geschmeidigkeit Cherkaouis. Was die tun, können sie auch, ob tanzen, singen oder sprechen. In wunderbaren Solos darf jeder der Tänzer seine Stärken zeige, in Duos und Trios verschlingen sich die Körper, drehen sich umeinander, als wären sie eins. So schön die Körperbilder sind, die Cherkaoui mit seinen Mittänzern auf die Bühne zaubert, so verständlich seine Mitteilungen sind, erst der mehrstimmige A-capella-Gesang der sieben Männer aus Korsika öffnet den Weg zum Herzen des Publikums. Gemessen bewegen sich die würdigen Männer von einem Ort zum anderen, verweilen einen Großteil der knapp 80 Minuten auf einer Empore über der mit Büchern übersäten Bühne und führen unbeirrbar ihren eigenen konzentrierten Tanz auf. Als Klang aus ferner Zeit ertönten die teils liturgischen Gesänge, selbst wenn es die aktuellen Kompositionen (und Dichtungen) einzelner A Filetta-Mitglieder, ganz im Geist der mediterranen Polyphonie. Auch wenn auf der Bühne gestochen und gehauen wird, der Chor strahlt Ruhe und Frieden aus; auch wenn die Texte vom Leiden erzählen, die Harmonie von Mensch und Musik tröstet und gibt Hoffnung. Der fulminante Schluss raubt dem Publikum dann doch den Atem. Der Tänzer Cherkaoui ist selbst zur armseligen Fetzenpuppe geworden, mühsam schleppt er sich die Stufen ins Unendliche hoch, den kleinen Mann über die Schulter geworfen. Zu den Klängen eines Passionschores springen beide ins Dunkel. Verschwinden wie die geheimen Schriften.
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Ditta Rudle |
Online am: 12.10.2009, © www.tanz.at |