Die Leichtigkeit der Postmoderne |
Die ausgezeichneten TänzerInnen der Trisha Brown Company zeigen ein Stück lebendige Tanzgeschichte und führen Browns wegweisende Bewegungsästhetik leichtfüßig ins Heute. |
Trisha Brown Company, Tanzquartier Wien / MQ / Halle E, 02.10.2009. |
Im Gegensatz zu anderen Kunstrichtungen ist der Begriff postmodern im Tanz positiv besetzt, denn er steht für eine weitgehend von formalen Zwängen befreite Bewegungssprache. Eine der erfolgreichsten ProtagonistInnen dieser stilistischen Veränderungen, die in späten 1960ern in der Judson Church in New York ihren Anfang nahmen, war Trisha Brown. Die Begegnung mit der Trisha Brown Compagnie und Stücken aus den 1980er und 1990er Jahren heißt auch eine Begegnung mit einem Stück - wie sich beim Gastspiel in Wien wieder erwies, lebendiger - Tanzgeschichte. Aus ihren frühen Experimenten (zu sehen im Tanzquartier Wien 2007) hat die Choreografin einen Bewegungskanon entwickelt, der natürlich und zwanglos wirkt, bei dem Alltagsbewegungen die Grundlage bilden, in denen es keine Höhepunkte gibt sondern alles ständig im Fluss ist. Es ist evident, dass Merce Cunningham mit seiner veränderten Sicht des Tanzes der Vater dieses Stils ist. Er hatte bereits die Ensemble-Hierarchie aufgelöst, denn alle TänzerInnen auf der Bühne waren gleich wichtig. Er hat keine Geschichten geboten, sondern sich auf die Bewegung in Zeit und Raum konzentriert. Dabei war jeder Punkt im Raum gleich wichtig - die bisher eminent wichtige Bühnenmitte hatte ihre zentrale Stellung, um die alles kreiste, verloren. Diese Prinzipien sind auch in der Arbeit von Trisha Brown präsent und aufgrund der entspannt wirkenden Bewegungen ist sind ihre Choreografien noch so frisch wie zur Zeit ihrer Entstehung. Denn ihr leichtfüßiger Tanzstil und die Durchlässigkeit der Tänzerkörper prägen den Tanz bis heute. Auch wenn er natürlich und anstrengungslos wirkt, so ist er gleichzeitig hochvirtuos (ebenso etwa wie die Contact-Improvisation ihres Weggefährten Steve Paxton). Doch gerade in der Ausführung ihrer Tänze liegt der Unterschied zu damals. Als Trisha Brown ihren Stil erfand, gab es noch immer die Kluft zwischen klassischem und modernem Training. Heute sind ihre TänzerInnen bestens und umfassend - von klassisch bis (post)modern - trainiert und in der Lage, schwerelos und lautlos über die Bühne zu gleiten. Mit diesen TänzerInnen wirken Browns Tänze luftiger und duftiger denn je. Auf dem Programm standen drei Klassiker aus dem Repertoire der Compagnie zur Ausstattung des bildenden Künstlers Robert Rauschenberg. Das Duo You can see us(1995 / 1996) entstand aus einem Solo, das Trisha Brown unter dem Titel If you couldn't see me ursprünglich mit dem Rücken zum Publikum getanzt hat. Mit Bill T. Jones (und später mit Michael Baryshnikov) formte es die Choreografin zu einem Duett um, dessen Spannung aus der räumlichen Ausrichtung der TänzerInnen entsteht, die die gleichen Bewegungen in verschiedene Richtungen und auf jeweils eigenen Raumwegen tanzen, wodurch ihre Beziehung zueinander immer wieder neu definiert wird. In Wien fesselten Leah Morisson und Dai Jian mit ihrer Präzision und ätherischen Leichtigkeit zur rhythmischen Struktur einer Laurie-Anderson-Komposition. In Frankreich wird Trisha Brown bereits seit Mitte der 1980er Jahren als Grande Dame des neuen Tanzes gefeiert. Das Auftragswerk der Biennale de Lyon, Foray Forêt (1990), ist eines ihrer heitersten Stücke. Die Kostüme aus glitzerndem Gold- und Silberlamé und eine Blaskapelle, die aus dem Off aus verschiedenen Distanzen zur Bühne zu hören ist, evozieren die Atmosphäre einer Parade, aus der sich die TänzerInnen auf die Bühne verirrt haben könnten. Brown hat sich vielleicht von ihrem Auftraggeber dafür inspirieren lassen, denn die Biennale de Lyon wird traditionellerweise mit einer Parade durch die Stadt eröffnet. Set and Reset (1983) zur Musik von Laurie Anderson sieht man auf den ersten Blick seine Entstehungszeit an. Am vorderen Bühnenrand ist eine mit Gaze bespannte Struktur aufgebaut (ein Quader mit zwei rechts und links angedockten Pyramiden), auf die schwarz-weiß Filme mit nicht eindeutig definierbaren Bildern projiziert werden. Sobald sich die Struktur hebt und über der Bühne schwebt, verschwindet allerdings der zeitspezifische Eindruck, um Platz für Browns zeitlose Tanzsprache zu machen. |
Edith Wolf Perez |
Online am: 04.10.2009, © www.tanz.at |