Langeweile in der Mogelpackung

Der Eröffnung der Ballettsaison in der Staatsoper fehlte es an Glanz und Gloria.

Neue Welt des Balletts, Wiener Staatsoper, 15.09.2009.

Soll ich reden? Darf ich schweigen?
Teuer ist jetzt guter Rat.
Ach, ich bin durch diesen Abend
Nicht beglückt, nur desparat.

So hätte der „Bettelstudent“ in Carl Millöckers gleichnamiger Operette singen wollen, wäre er am Eröffnungsabend der letzten Saison Gyula Harangozós in der Loge gesessen. Ganz vorn auf der rechten Seite, wäre er vielleicht nicht ganz so desparat gewesen, denn er hätte einen großen Teil der sechs Choreografien, die da gezeigt worden sind, gar nicht gesehen. Die Paare wollten nicht und nicht aus den Kulissengängen kommen, als hätten sie Angst vor der Mitte. Na gut, denkt sich der Student, vielleicht gehört es so, und verrenkt sich den Hals.
Notwendig waren die Verrenkungen ja nicht. Denn das, was er ohne diese zu sehen bekam, genügte um einem verpatzten Abend nicht nach zu trauern. Mit Myriam Naisys auf zwei Paare aufgepolstertem Pas de Deux „Ederlezi“ sollte die „Neue Welt des Balletts“ eingeleitet werden. Neu war da gar nichts an dem geschmacklich faden Hors d'Œuvre, in dem die mitreißende (Film-) Musik von Goran Bregovi_ („Time of the Gipses“. vom Band)) so gar nichts mit den beiden Paaren zu tun hatte. Maria Yakovleva und MIhail Sosnoschi, wie Karina Sarkissova und Roman Lazik waren in buntes Licht getaucht, konnten aber trotz neoklassischen Kreiselns und Umschlingens nichts von dem vermitteln, was Naisy bei der Uraufführung 1991 (mit nur einem Paar) behauptet hat: Einen Liebes-pas-de-deux wollte Madame zeigen. Jetzt waren es zwei Pas de deux, die nach kaum zehn Minuten bereits in Vergessenheit geraten sind.
Mit ein wenig mehr Vergnügen beobachtete der Student András Lukács und Alice Firenze, die ein kurzes Duo (ohne Liebe) zeigten. Lukács, der die Choreografie zur schmachtenden Musik von Max Richter für sich selbst erdacht hat, ist ein Schöngeist. Alles Sperrige, Eckige ist ihm fremd und der Student konsumiert den leichten Zwischengang mit Behagen.
Danach, erster Gang mit sechs Paaren, gar nicht neu. „Glow - Stop“ von Jorma Elo, uraufgeführt 2006, als Wiederaufnahme eines Abends in der Volksoper jetzt in die Neue Welt gehievt. Elo ist Eklektiker, klaubt hier und dort Bewegungsabläufe auf und will unterhalten. Das gefällt auch dem Ensemble und sowohl die, die ihren Part zum ersten Mal tanzten (Ketevan Papava Elisabeth Golibina und Alexis Forabosco) als auch die alten Hasen (allen voran Olga Esina und Kirill Kourlaev, außerdem: Rui Tamai, Nina Poláková, Andrea Némethová, Denys Cherevychko, Roman Lazik , Eno Peci und Igor Milos) ließen die Lebensgeister des Studenten für kurze Zeit erwachen. Dann durfte er sich am Buffet laben.
Nur frisch gestärkt konnte er dann auch den zweiten Teil dieser fast schon uralten Ballettwelt überstehen. Der „Slingerland pas de deux“ von William Forsythe (uraufgeführt 1989, einstudiert von Stefanie Arndt und Alice Necsa) war in der Interpretation von Olga Esina und Eno Peci nicht wirklich wieder zu erkennen und was Probenleiterin Necsea aus den beiden korrespondierenden Stücken von Ji_í Kylián gemacht hat, ließ den Studenten an seinem Wahrnehmungsvermögen zweifeln. War „Petite Mort“ wirklich so eine grobe Farce, die „Sechs Tänze“ tatsächlich nur Klamauk, abgeschmackt und derb? Oder sind diese beiden Stücke aus dem vergangenen Jahrhundert einfach so angestaubt, wie die Perücken die in den „Sechs Tänzen“ zum Gaudium des Publikums unaufhörlich weißes Puder schneien? Die Antwort kann nur eine gelungene Aufführung geben.
Ursache für das heftige Kopfschütteln des Studenten waren auch Christoph Eberle (Dirigent) und Luca Mais (Klavier). Haben die Herren gelesen, dass Ji_í Kylián damals, als er „Petite Mort“ schuf, zum 200. Todestag Mozarts im Jahr 1991, vom „überirdisch-melancholischen“ Adagio aus Mozarts Klavierkonzert Nr. 23, A -Dur sprach? Sicher nicht, sonst wäre dieser Teil ebenso wenig herunter genudelt worden wie das Andante aus dem Klavierkonzert Nr. 21, C-Dur, das sogar dem Studenten als Filmmusik bestens bekannt ist. Diesmal klang es anders, weniger überirdisch, mehr banal. Banal wie der gesamte Abend. Und nichts Neues auf der Bühne. Von Aufregendem, Erschütterndem, Beglückendem wagt der Student in der Oper ohnehin schon lang nicht mehr zu träumen.
Das scherte aber das Publikum wenig, es wurde durch die deftig verblödelten „Sechs Tänze“ aus dem Tiefschlaf geweckt und applaudierte dem solistischen Ensemble kräftig.
Der Student sehnte sich nach seinem Freund, dem „Vogelhändler“ (Carl Zeller), der am selben Abend in der Volksoper die Hitparade der Operettenmelodien hinunter geträllert hat. Keine Mogelpackung, schlicht eine Operette.
Die Antwort auf die Eingangs gereimte Frage ist gefunden. Es wird nicht mehr darüber geredet. Staub und Langeweile seien begraben unter einem Mantel des Schweigens.

Ditta Rudle

Online am: 18.09.2009, © www.tanz.at