Degree Zero

Mit dem Weiterbildungsprojekt "Arsenale della danza" will Ismael Ivo, künstlerischer Leiter der Tanzbiennale von Venedig den Tanz für die nächsten zehn Jahre neu definieren und zeigte das erste Ergebnis mit einer eigenen Choreografie

Waste Land, Biennale di Venezia / Teatro alle Tese - Arsenale, 20.06.2009.

Der Tanz zelebrierte seine Aufnahme in die Biennale di Venezia vor zehn Jahren, die dem universellen kulturellen Background ihres Präsidenten Paolo Baratta zu verdanken ist.
Bei der heurigen Ausgabe gab es neben dem Aufführungsprogramm (siehe auch Besprechung der Michael Clark Company) ein zweitägiges internationales Symposium über den zeitgenössischen Tanz, bei dem sich Tänzer, Tanzkritiker und Tanzhistoriker getroffen haben, um über das von Ivo ausgewählte Thema „Degree Zero“ zu diskutieren. Unter diesem Titel wird bis 2011 unter anderem „Arsenale della danza“ laufen, das heuer mit der Uraufführung von Ivos Choreografie „Waste Land“ endete.

Degree Zero
Nach den kolossalen Titeln der vier früheren Biennalen „Körper im Kampf“, „Unter der Haut“, „Körper und Eros“ und „Schönheit“ wollte Ivo mit „Degree Zero“ reinen Tisch machen. Es ist der I-Punkt des Symposiums. „Der Körper als ästhetische Sprache, als Einzelfaktor unserer Gesellschaft, als Dokument unserer Zeit“ erklärt Ivo in einem persönlichen Interview.
„Ich möchte Fragen stellen über den Körper und seine Funktion. Den Körper, der sich mit seiner Epoche verändert und über unseren Geschmack, unsere Moral und Ästhetik antworten“.
Der verlängerte Vertrag als Direktor der Tanzsparte der Biennale (bis jetzt war niemand so lange auf diesem Posten) hat Ismael den Anstoß gegeben, über eine neue Perspektive des Tanzes nachzudenken. „Den Mut zu haben, alles wieder neu anzuschauen, eine neue Richtung zu finden. Diese Neuausrichtung ist überall auf der Welt, wirtschaftlich und sozial, notwendig. Diesen Umbruch finde ich aber fruchtbar. Dadurch werden neue Lösungen und Ideen gefunden. So möchte ich bei diesem zweitägigen Colloquium an alle eingeladenen Gäste eine wesentliche Frage stellen: Geben Sie mir bitte Ihre Vision des Tanzes für das nächste Jahrzehnt. Welchen Körper wird der zukünftige Tänzer haben müssen, um die Vorstellungen der Choreografen zufrieden zu stellen? Welches Training? Klassisch, Zeitgenössisch, Ethnisch, Yoga, Tai-Chi, Feldenkrais, alles zusammen?“
Das klingt wunderbar, aber ist es nicht mehr Theorie als tatsächliche Möglichkeit, jetzt schon für über zehn Jahre neue Regeln zu setzen?

Arsenale de la danza
„Nein, ich habe das im Praktikum verwendet. So wurde ‚Arsenale della Danza' geboren. Im März hatten wir 152 Kandidaten für diese experimentelle Compagnie. Nach drei Monaten hartem Training, alles, was ich eben gesagt habe, auch Unterricht im Derwischtanz bei einem türkischen Lehrer, Meditation, Tanzgeschichte … Körper und Geist zusammen. Drei Monate haben wir geübt, auch mit der Unterstützung renommierter Künstler wie Susanne Linke, Forsythe's frühere Darsteller Tamàs Mòricz und Francesca Caroli, Juha Marsalo, der von Wim Vandekeybus und Carolyn Carlson kam.
Die Auswahl der jungen Tänzer für das Pilotprojekt war streng. 15 von unterschiedlicher Nationalität sind geblieben: Italien, Türkei, Japan, Frankreich, Schweiz. Der ‚Arsenale' ist aber keine Schule, sondern eine Zeit der physischen und mentalen Ausbildung. Ehrlich gesagt, denke ich an unsere heutigen Körper wie die von Dinosauriern, kräftig, groß, aber ohne Kapazität der ‚Überlebensintelligenz'. Dieser Körper wird bald verschwinden.
Vor hundert Jahren erlebten der Tanz und die Künste durch „Les Ballets de Diaghilev“ eine echte ‚Revolution'.
Jetzt möchte ich über ‚Reflexion' sprechen. Die Lehre, die Notwendigkeiten auszunutzen. Ich habe mich für ‚Waste Land' an der bekannten Dichtung von T. S. Eliot orientiert, weil ich die Schmerzen unseres Planeten darstellen wollte, eine Bitte zur Reflexion und Reaktion. Ich wollte auch Stravinskis Frühlingsopfer choreografieren. Es scheint jetzt der richtige Moment zu sein. Wenn ich den Frühling sehe, weiß ich nicht, ob ein nächster Frühling kommen wird und wenn, wird es sicherlich nicht der Frühling, den wir früher kannten, sein.“

Waste Land
Das Frühlingsopfer von Stravinski ist genial, das ist keine Neuigkeit. Dieses damals (1913) absolut umstrittene Werk des jungen Komponisten ist extrem schwierig zu choreografieren. Die Kraft der Musik kann eine Choreografie vernichten. „Die Grundlage seiner Musik ist eine elementar und motorisch wirkende Rhythmik, die das reguläre Taktschema und damit die rhythmische Symmetrie durchbrechen kann.“ Wenn das so leicht wäre. Der „Musikgefahr“ bewusst hat Ivo einen Prolog vorgesehen. Im Halbdunkel sind die klingenden Geräusche von Andreas Blick kaum zu hören. Naturgeräusche, Wind, aber auch „schmelzende Eisblöcke, die der Komponist aufgenommen hat“ erklärt Ivo.
Menschliche Körper schleichen über den Boden, liegend, dann gebückt - unendliche Suche. Langsam sind die Bewegungen, arm sind die Seelen, eine Wüste hoffnungsloser Hoffnung, Körper, die wie Wellen walzen, ein Meer von Trauer. Das Auge gewöhnt sich leicht an die Dunkelheit deshalb können die Körper schnell laufen, aber auch fallen … Dann die Müdigkeit, liegende traurige müde Körper. Sie setzen sich, die Rücken in Spannung.
Ein Lichtspot von oben, nur ein kleiner karierter Platz, heller Teppich der kleinen Freiheit. Die Musik von Stravinski beginnt, der Hintergrund erscheint: Eine Metallröhre und ihre kreisförmige Öffnung. Einige Gestalten steigen zu der Röhre, andere setzen sich hinein in eine Fötusposition. Es geht sowieso nicht anders. Die Röhre ist eben rund. Eine Art von Rauch, Nebel der Gedanken und Einsamkeit…
Wo befinden sich diese Menschen? Gefangen von den verschiedenen Lichtteppichen finden sie keinen Ausgang. Außerdem, wohin sollten sie gehen? Oben strahlt das Licht, unten ist man an die Dunkelheit gewöhnt, man ist nahe an dem tiefsten Punkt der Erde und sie schreit, spuckt schwarzes Gold.
„Waste Land“ ist sehr plastisch, das Lichtdesign sowie die Choreografie bilden den Kern dieses Stückes. Die Ernsthaftigkeit der jungen Tänzer, ihre künstlerische Qualität ist beachtenswert.
Alles ist in ein Gesamtes integriert. Ismael Ivo hat es gewagt und er hat erreicht, was er wollte: eine musikalisch eine sehr intelligente und feinfühlige Lösung und kein Duell mit der Musik … In Gegenteil, manchmal hat Ivo die Musik fließen lassen, kaum eine Bewegung, der Moment des Einswerdens mit der Schöpfung.
„Bevor wir zu probieren angefangen haben, war ich mit meinen Tänzern auf den St. Michelle Friedhof, auf dem Serge Diaghilev begraben ist. Wir hielten weiße Rosen in der Hand, die wir dort niedergelegt haben. Danach haben wir über drei Minuten meditiert und anschließend applaudiert. Wir haben dann um die Erlaubnis gebeten, ein Prozent der Genialität Diaghilevs benutzen zu dürfen. Unmittelbar danach waren wir für die erste Probe im Ballettsaal bereit.“

Celi Barbier

Online am: 06.08.2009, © www.tanz.at

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