Verstörend betörend |
Edgar Allan Poe tanzt im Salon |
Last Touch First, ImPulsTanz / Akademietheater, 31.07.2009. |
Ein Buchseite umblättern - Tanz. Die Beine übereinander schlagen - Tanz. Ein Glas an die Lippen heben - Tanz. Eine Spielkarte ablegen - Tanz. Tanz in höchster Vollendung und bedrängender Langsamkeit. Tanz wie ein Film von Louis Buñuel, wie eine unheimliche Geschichte von Edgar Allan Poe, ein Bild von René Magritte. Last Touch First entstand aus dem 20minütigen Stück von Jiri Kylián Last Touch (2003, NDT) und einer Improvisationsarbeit von Sabine Kupferberg und dem Performer Michael Schumacher für eine Aufführung der inzwischen aufgelassene Senior-Formation NDT 3 des Nederlands Dans Theater. Die faszinierende Psychostudie beginnt als Tableau. Im bürgerlichen Salon des 19. Jahrhunderts sind zwei Damen der Gesellschaft und ihre Zofe sowie drei Herren versammelt. Man spielt Karten, liest, flirtet ein wenig, die Zofe arrangiert die Blumen. Zum hämmernden Ostinato der Klavierkomposition von Dirk Haubrich entwickelt sich ein Miteinander und Gegeneinander der Paare, die sich im flackernden Kerzenlicht bald immer wilderen erotischen Spielen hingeben, kippen und fallen und dem Abgrund immer näher schlittern. Mord und Totschlag, Hass und Neid wuchern im cremefarbenen Salon, die bürgerlichen Gewänder fallen, die Seelen zeigen sich nackt. Wie ein surrealistischer Film spielt sich das Geschehen ab, unheimlich und trotz der Langsamkeit unheimlich spannend. Ganz ist das Vexierbild nicht zu erfassen, schaut man nach links, versäumt man, was auf der breiten Bühne rechts geschieht und vergisst, dass auch in der Mitte Unheimliches droht. Die Betrunkene kippt kaum merkbar aus dem Fenster, der Galan zelebriert seinen Purzelbaum über den Schaukelstuhl, die Zofe hängt halb über den Tisch (Waden freigelegt für die lüsternen Hände des Herrn) und hält dennoch den Rücken gerade. Körperbeherrschung auf höchster Stufe, wie sie Kristen Cere, Pedro Goucha, Cora Bos Kroese, David Cecil Krugel, Ester Karin Natzijl und Michael Scott Schumacher (Scott soll ihn vom Rennfahrer unterscheiden) zum schaurig-schönen Vergnügen des Publikums demonstrieren. Zum Nacherzählen gibt es nichts, die nahezu bewegungslosen Szenen lösen einander ab, ein Traum im wechselnden Licht (Kees Tjebbes, Ellen Knops), ein Trauma, das noch lange schmerzt, ein Erlebnis, dessen Bilder nahezu unauslöschlich sind. Kylián ist auch ein kluger Mann. Das Spiel ist nach knapp einer Stunde zu Ende. Man möchte gar nicht aufwachen und wünscht sich, dass es gleich wieder von vorn beginnt. Vielleicht lösen sich dann alle diese wunderbaren Rätsel. |
Ditta Rudle |
Online am: 06.08.2009, © www.tanz.at |