Bewegender Stillstand |
Michikazu Matsune und David Subal reisen um die Welt und werden zu lebendigen Monumenten. |
One Hour Standing for, ImPulsTanz / Kunsthalle Wien, project space, 03.08.2009. |
In Teheran liegt Schnee, in Mexiko tarnen sie sich mit einer Wrestling-Maske, in Pretoria halten sie gemeinsam einen gelben Schirm hoch, in Chile setzen sie bunte Indio-Mützen auf und in Moskau muss David Subal allein eine Stunde bewegungslos hinter der dem Kreml stehen; Michikazu Matsune durfte nicht einreisen. 24 Städte haben die beiden Performer bereist, um vor sogenannten Sehenswürdigkeiten eine Stunde lang still zu stehen, während der Touristenstrom mehr oder auch weniger beeindruckt vorüber zieht. Ein Statement gegen und für allerlei. Gegen das sinnlose Herumrasen vulgo Reisen vielleicht und für die Kunst, oder auch umgekehrt. Die Stunde des Stillstands (Subal zuckt nicht einmal mit einer Wimper, Matsune rutscht schon mal am glitschigen Geländer oder muss schnell blinzeln) haben die beiden Künstler mit einer Videokamera aufgenommen. In einer Installation von 24 Monitoren ist das Unternehmen eingehend zu betrachten. Die Erklärungen zu den Monumenten (in Wien stehen Matsune und Subal ihre Stunde gänzlich unbehelligt vor der Gloriette ab) sind in einem privaten Reiseführer nachzulesen, mithilfe dessen man auch die einzelnen Orte und Gebäude identifizieren kann. Ein kleiner Satz aus dem persönlichen Reisetagebuch ergänzt das Erlebnis. Möchte man die Reise exakt nachempfinden, müsste man ja 24 Stunden im project space der Kunsthalle Wien verbringen, was schon an den Öffnungszeiten scheitert. Aber auch wenn man gelassen von Stadt zu Stadt pilgert, kann man sein Vergnügen haben. Besonders wenn man länger in Brasilia dem National Museum of the Republic gegenübersteht und zusehen darf, wie eine fröhliche junge Frau Matsune küsst und gut aufgelegte Burschen die beiden Unbewegten umgarnen, um sie aus der Reserve zu locken. In Abu Dahbi versucht ein ganz in Weiß gekleideter Araber, hinter das Geheimnis der beiden reglosen Gestalten zu kommen. Mehr als fünf Minuten steht er hinter ihnen, ebenso reglos. Sie bemerken ihn erst bei Ansicht des Videos. Ob sie nun im store preiswerte Bewegungs-Kunst verkaufen, im MAK eine Strandparty veranstalten oder eben die Welt durchqueren, um still zu stehen, seit gut fünf Jahren arbeiten die beiden ausgebildeten Tänzer mit intelligentem Witz, Charme und ironischer Nüchternheit. Das Hinterfragen gesellschaftlicher Konventionen (und auch immer wieder der Rolle der Kunst, der Künstler, also ihrer selbst) geschieht fast nebenbei. Es liegt an den KonsumentInnen der überaus vergnüglichen Performances, sich die richtigen Gedanken dazu einfallen zu lassen. Bei der Eröffnung der Installation konnte das Publikum nicht nur per Videoscreen durch die (halbe) Welt surfen sondern auch Michikazu Matsune und David Subal beglotzen, die als lebendiges Monument eine volle Stunde posierten, während die Schaulustigen durch den Raum schlenderten, am Gespritzten nippten und sich der eine oder die andere für wenige Sekunden zu den beiden gesellte, um ein Erinnerungsfoto machen zu lassen. Wie im richtigen Leben. Eine köstliche Erfahrung. |
Ditta Rudle |
Online am: 06.08.2009, © www.tanz.at |