Als hätte der Tanz seine Stimme verloren

Was Maguy Marins Stücke "May B" (1981) und "Déscription d'un combat" (2009) miteinander verbindet, ist ihre literarische Inspiration, was sie voneinander trennt, sind nicht nur knapp dreißig Jahre.

May B / Déscription d'un combat, ImPulsTanz / MQ Halle E , 30.07. und 03.08.2009.

Schwächlich und fragil sehen sie aus - die zehn mit Greisengesichtern maskierten Figuren in ihren weißen Nachtgewändern, die in May B die Bühne betreten. Wie scheue Tiere bewegen sie sich in ihrer kleinen Herde, einander nicht von der Seite weichend und kaum als Individuen unterscheidbar. Vom ersten Moment an schwebt eine Atmosphäre von Tragik, Verfall und Vergeblichkeit im sepiabraunen Bühnenraum, und es ändert sich auch nichts daran, wenn Schuberts "Leiermann" verstummt und lebhaftere Töne erklingen. Denn auch wenn sie ausgelassen tollen oder Männchen mit Weibchen fröhliche Dinge treiben, so haftet ein befremdliches Unbehagen an den blassen Geistergestalten, so kündet der zweite Akt auch vom Marsch in den Krieg, von Mitläufertum und Flucht. Maguy Marin hat mit einem schlichten wie expressiven Bewegungsvokabular und einer kongenialen Licht- und Raumgestaltung in wenigen Pinselstrichen die Essenz des Beckettschen Universums bereits auf der Bühne festgehalten, ehe sie noch seine blinden, lahmen oder geknechteten Theaterfiguren in eindringlichen Tableaus zueinander in Bezug setzt. Marin gelingt in "May B" ein getanzter Theaterzauber voller Wehmut und Lebenstrauer, der bis zum letzen Moment des Ensembleabtritts währt und praktisch ohne Worte ein ganzes literarisches Oeuvre auf den Punkt bringt.
Diametral entgegen liegt der Ansatz ihrer „Création 2009“, für die sie 28 Jahre später wieder die Literatur als Inspirationsquelle gewählt hat: in "Déscription d'un combat" gibt das gesprochene Wort, genau genommen der rhythmische Klangkörper der Homerschen Verse, den Ton an. Tänzerinnen und Tänzer rezitieren (zum teils recht heftigen Unmut des Wiener Publikums) aus der französischen Übersetzung der Ilias - zunächst in Monologen, nach und nach beginnen sich die Zitate zu überlagern, manchmal auch in verschiedenen Sprachen, so wie die Jahrhunderte und die zahllosen seither wiedergekehrten Kriege. Die Bewegung der Tänzer hat sich scheinbar totgelaufen in der endlosen Schleife des Schreckens, wo sie durch das Schlachtfeld schreiten und wie am Geschehen unbeteiligt, die Schichten des sinnlosen Kampfes freilegen - das Chaos am Trümmerfeld, den kurzen Glanz des Siegesruhms, um am Ende vor einem roten Meer gefallener Soldaten zu stehen. Maguy Marins Tänzer verweigern den Tanz, ihr monotoner Trauergesang verhallt im Leerlauf einer sich seit Jahrtausenden wiederholenden Geschichte, die keinen Fortschritt kennt. Als hätte der Tanz seine Stimme verloren und seine emotionale Kraft, die er in May B so großzügig mit dem Publikum teilt.

Karin Schiefer

Online am: 06.08.2009, © www.tanz.at