Moby Dick gewinnt

Beim Villacher Festival ging der Spectrum Award 2009 nach Graz

19. Spectrum-Off-Theaterfestival, Villach, 23.05.-09.06.2009.

Innovativ und vielseitig im Stil heutiger Top Festivals, nur eben viel kleiner, gab sich das Villacher Off-Theaterfestival „Spectrum“ 2009: Am Programm standen unter dem Titel „FlowOverVillach zwischen 23. Mai und 9.Juni neun Produktionen von Kreativteams mit höchst unterschiedlichem Zugang zur Bühnenkunst, fünf Symposien, Workshops sowie eine „FlowVideoLounge“. Und wie immer durfte das Publikum nach jeder Vorstellung Noten (1-10 ) vergeben.. Wer den höchsten Durchschnittswert erreicht, wird in der Folgesaison an die neuebuehnevillach für ein Gastspiel eingeladen. Im Vordergrund des von Michael Weger, Erik Jan Rippmann und Katrin Ackerl Konstantin betreuten Festivals stand wie immer spartenübergreifendes experimentelles Theater; heuer mit starkem choreografischen Schwerpunkt. Zur Eröffnung „besetzte“ das multinationale Carpa Theater (Wien) die neuebuehne: In „Squatting“, einer existentialistisch angehauchten Arbeit zu aktuellen Themen und Problemen, ging man, wenn Worte nicht mehr ausreichten, zur Kontaktimprovisation über. Hinterließ diese ambitionierte Arbeit, genauso wie Andrea K.Schlehweins „unmerklich drängen fingerspitzen“ ein eher ratloses Publikum, überzeugte „Frontzement“ aus Tirol mit einer recht konventionellen, doch effektvollen Fassung von Heiner Müllers „Quartett“ - und landete schließlich auf Platz drei. „Silber“ ging an die hinreißende, bunte Zirkusillusion „Warum das Kind in der Polenta kocht“ von daskunst (Wien): die Migrationsgeschichte einer Familie, in Worten, Musik und Akrobatik. Verdient gewonnen hat den „Spektrum Award 2009“ - auch aus Kritikersicht - das starke, dichte Solo „Moby Dick“ von Martina Kolbinger-Reiner (Mezzanin Theater Graz). Frei nach Hermann Melville verbanden sich dabei in der Regie von Hans Peter Horner virtuose Bühnenkunst mit fantasievoller Ausstattung (Christoph Bochdansky): Bilder, die nicht nur spontan verzauberten, sondern noch lange im Kopf blieben: die zarte, schöne Frau (abwechselnd rasend grimmiger Waljäger und distanzierte Kommentatorin), im Kampf mit weiß schäumender Ballonseide, mal Welle, mal Wal…
Mit geheimnisvoll schwarzer Ästhetik, allerdings mehr Bewegungsstudie denn Performance, fand „fiction in between“ von Saskia Hölbling und Fabrice Ramalingom ebenfalls die Zustimmung vieler Fans. Nicht los, sondern unter ging bei diesem Festival die Salzburger „lawine torrén“: Hupert Lepkas „dinner mit Jérôme“ (Koproduktion impulstanz) hinterließ bestenfalls einen schalen Nachgeschmack. Erstens funktionierte der beabsichtigte Beobachtungsmechanismus mangels genügend „nicht eingeweihter“ Zuseher nicht, und was dann noch übrig blieb, unterhielt wohl eher die Darsteller als die „beteiligten“ Zuseher. Ein üppiges Finale bot „Ich und Kaminski“ (Koproduktion Iffland&Söhne/Salon5/Grand Théâtre de Luxemburg: Ein wahrer Marathon (über zwei Stunden!) exzellenter Schauspielkunst mit Filmbegleitung nach Daniel Kehlmanns Roman. Die stärksten Tanzakzente bei Spectrum 09 setzte Milli Bitterli mit „I did once a piece“ und „One day at a time“.

Andrea Hein

Online am: 23.06.2009, © www.tanz.at