Eine andere Geschichte

Karenin ist verliebt, Anna glüht für einen Knaben

Anna Karenina, Wiener Staatsoper, 15.06.2009.

Im September soll der junge Tänzer Shane A. Wuerthner zum Halbsolisten ernannt werden. Durch die Verletzung von Roman Lazik, bekam er Gelegenheit zum Saisonende als Wronski in Boris Eifmans wirkungsvollen Adaption von Leo Tolstojs Roman „Anna Karenina“ zu debütieren. Ob man dem Amerikaner damit Gutes getan hat, möchte ich bezweifeln. Wuerthner ist nicht der schneidige Liebhaber, der die in ihrer Ehe unbefriedigte Anna im Sturm erobert. Mit Wuerthner, Ketan Papavan, als Anna ebenfalls, und Eno Peci, dem einzigen rollenrfahrenen im Trio, wird eine ganz andere Geschichte erzählt.
Dass die Bewegungen weicher sind als von Eifman vorgesehen, dass Peci sich den Karenin als verliebten, zärtlichen und später verzweifelten Gatten zurechtgemodelt hat, schadet nicht, sind doch die Ensembleszenen düster genug. Aber Wuerthner, zurückhaltend und schüchtern, kann es nicht verständlich machen, dass Anna ihren so sympathischen Ehemann verlässt um sich einem Knaben an den Hals zu werfen. Dass die Liebe, oder was immer diese Flucht aus dem trauten Heim ist, scheitert, ist von vornherein klar.
Ketan Papavan ist eine gefühlvolle Anna, kann in den Pas de deux mit Peci auch ihre tänzerischen Qualitäten zeigen und ruft in der „Wahnsinnsszene“ kalte Schauer hervor.
Das Ensemble kommt auch in der 5. Aufführung der Serie an der Staatsoper noch nicht mit der Bühnengröße zurecht, die Diagonalen enden jedes Mal in hektischem Gerenne und viele von Eifman so exakt geplante, maschinenhafte Bewegungen wirken wie amputiert. Das mag auch am spanischen Temeprament des jungen Dirigenten Guillermo Garcia Calvo liegen, der den Stab mit einer Peitsche getauscht zu haben schien und von den Streichern einige Rasanz verlangte. Der Dramatik und dem Pathos der Musik Peter Tschaikowskis gab sein engagierter Einsatz besonderen Glanz. Garcia Calvo ist kein Neuling an der Staatsoper, seit 2003 ist er für die musikalische Einstudierung mehrerer Werke des Opernrepertoires verantwortlich und hat sich auch im „Nussknacker“ bereits als Tschaikowski-Liebhaber erwiesen. Im Oktober wird er die 200. Aufführung von „Schwanensee“ (Choreografie Rudolf Nurejew), eine Gala mit vier Prinzen und drei Schwanenprinzessinnen dirigieren.

Ditta Rudle

Online am: 23.06.2009, © www.tanz.at