Mitunter besiegt das Leben die Kunst |
Österreich tanzt 2009 war ein rundum gelungenes und, nicht nur was die Zuschauer- und Teilnehmerinnenzahl betrifft, überaus erfolgreiches Festival. |
Österreich tanzt, Festspielhaus St. Pölten, 15.-21.06.2009. |
Das persönliche Engagement, die fachliche Kompetenz und nicht zuletzt der Charme der Kuratorin Editta Braun und ihrer Assistentin Anna Maria Müller haben sich gelohnt: Ein Festival, wie es sein soll - trefflich geplant, konsequent durchgeführt. Dabei hätte so viel schief gehen können. Schon die Wahl des Themas crossing borders war ein Wagnis. Grenzen zu überschreiten, Neues zu riskieren, sich mit dem Fremden einzulassen, das eigene wohlgeordnete Nest zu verlassen und dorthin zu schauen, wo der Wind eisig weht, das ist eine Aufforderung, der nicht gar so gern gefolgt wird. Doch weil das Thema den Kuratorinnen nicht nur künstlerisches sondern auch persönliches Anliegen ist, weil Editta Braun und ihr Team selbst immer wieder Grenzen - und nicht nur geographische auf den zahlreichen in unbekanntes Land führenden Tourneen - überschreiten, konnten sie Gäste, Mitwirkende und Publikum mitreißen. Wie vielschichtig das Motiv der Grenzüberschreitung bei näherer Betrachtung ist, war im Rahmenprogramm zu ergründen. Die Tanzbilder der Fotografin Bettina Frenzel zeigten die Flüchtigkeit der Bewegung inmitten der höchst appetitlichen trashBar von Janett Sumbera. Die Künstlerin hatte das coole Foyer mit einer Installation mit Gegenständen und Stoffen vom Mistplatz ausgestattet und in eine gemütliche Ruhezone verwandelt, in der heiße Zitronenmelisse geschlürft werden konnte und Editta Braun und ihre Verlegerin Gerda Poschmann-Reichenau den überaus gelungenen Band Tanz Kunst Leben, ein Bilderbuch (mit Textbeiträgen) zum 20jährigen Jubiläum der Editta Braun Company, vorstellen konnten. Was die Gesellschaft als Trash oder Müll abtut, ist nicht immer tastsächlicher Abfall und kann für Andere durchaus wertvoll genug sein, um es aufzuheben. Mutig war es von allen Beteiligten auch, dort nach künstlerischem Potenzial zu suchen und es zu entfalten, wo Menschen nicht nur Grenzen überschritten sondern auch Brücken abgebrochen haben, in den Heimen, wo AsylwerberInnen auf eine Entscheidung von oben warten. Silvia Both ging in das kleine Wohnheim nach Greifenstein und Lina Maria Venegas versuchte sich im unüberschaubaren Heim Traiskirchen zu orientieren und ein Stück zu erarbeiten. Entstanden sind zwei Traiskirchener Kunststücke, je zwei Mal aufgeführt, die als Herzstück des Festivals pulsierten. Was die beiden Choreografinnen und ihr Team (Both integrierte eine Videocollage von Ursula Sova, den Musiker Walter Peffel und Textpassagen echter Bescheide; Venegas stellte ihre SpielerInnen pur auf die Bühne) in kurzer Zeit und unter schwierigsten Umständen (die behördlichen Hürden die zu überspringen waren, darf man sich ausmalen) zustande gebracht haben, verdiente den heftigen Applaus und auch die Tränen, die von Männern und Frauen verschämt weggewischt worden sind. Wenn die Kunst direkt aus dem Leben geboren wird dann schlägt sie jede perfekt geprobte Vorstellung darstellender Profis. Bei den Traiskirchner Kunststücken gab es nur Gewinner, ein unaufhörliches Geben und Nehmen machte sämtliche Beteiligten diesseits, jenseits und auf der Bühne glücklich. Dass die beiden sehr unterschiedlichen Stücke als Kunststücke den Blicken der gestrengen Kritikerin standhalten und auch an anderen Orten gezeigt werden, zeigt das Brauns Idee - Kreativität, Originalität und Bühnenpräsenz auch dort zu finden, wo meist nur Traurigkeit und kaum Hoffnung herrscht - von Erfolg gekrönt worden ist. Weil das, was da mit dem Auswärtsspiel (Lina Maria Venegas mit DarstellerInnen aus Traiskirchen) und Deine ~Meine~Unsere (Silvia Both mit SängerInnen und SchauspielerInen aus Greifenstein) nicht nur mit der Kunst sondern auch mit dem Leben zu tun hat, und wenn man den DarstellerInnen in die Augen sehend erkennt, dass sie nicht zeigen sondern sind, dann muss Mephisto wieder mal Recht gegeben werden, wenn er meint: Grau, teurer Freund, ist alle Theorie und grün des Lebens goldner Baum. Selbst wenn dieser Baum seine goldenen Zeiten noch erwartet. So nehmen wir diesmal den professionellen künstlerischen Teil des Festivals als interessanten Einblick in das heimische Tanzschaffen: unterhaltsam Roderich Madls [SLIK] mit der Tänzerin Silke Grabinger, der Videoinstallation von Clemens Leuschner und Ingo Randolf und der Beatboxcrew Massive Beats; ernsthaft und genussvoll die schönen Pas des deux in Nikolaus Adlers seit der Uraufführung gestrafften und reduzierten Tanzstück oedipus is complex; märchenhaft bilderreich Editta Brauns interkulturelles Stück Coppercity 1001; formal reduziert habibi problem der cieLaroque/Helene Weinzierl oder solistisch und persönlich in the land of P... von Teresa Ranieri und Surface von Jianan Qu. Dass das Publikum bei den jeden Tag abschließenden Künstlergesprächen mitwirken und sich einmischen soll, ist nicht so leicht zu erreichen. Aber schließlich ist das Reden ja wieder graue Theorie und es wäre nicht Editta Braun, wenn sie nicht auch des Lebens goldnen Baum wichtig nehmen würde. Im Schauspieler Ahmad Abou Kharma (der bei der ägyptischen Version von Coppercity 1001 mit der Editta Braun Company aufgetreten ist), hat sie einen Kochkünstler entdeckt und diese Kunst dem Festival zugute kommen lassen. Mit seinen Freunden hat Ahmad das etwas öde sogenannte KulturCafé des Festspielhauses in ein orientalisches Lokal verwandelt und jeden Abend nicht nur würzige Genüsse aus dem Eintopf ausgeschenkt (geschenkt im wahrsten Sinn), sondern auch Musik und beste Laune. Grenzüberschreitung der angenehmsten Art - Publikum und KünstlerInnen am selben Tisch, Nahrung für Leib und Seele und Zufriedenheit in allen Gesichtern: Es war ein gelungenes Festival. |
Ditta Rudle |
Online am: 23.06.2009, © www.tanz.at |