Fast eine Premiere |
Boris Eifmans Anna Karenina ist übersiedelt |
Anna Karenina, Wiener Staatsoper, 08.06.2009. |
Nach 18 ausverkauften Vorstellungen in der Volksoper ist Boris Eifmans effektvolles Ballett nach Leo Tolstois Roman Anna Karenina in die Staatsoper übersiedelt. Die Besetzung der drei Solorollen - Olga Esina - Anna, Kirill Kourlaev - Karenin und Vladimir Shishov - Wronski, ist gleich geblieben, doch der überraschende Zauber des ersten Eindrucks ist verblasst. Auf der größeren und tieferen Bühne haben die Ensembleszenen ihre bedrohliche Kompaktheit verloren, Esina und Shishov jedoch nichts an Intensität gewonnen. Einzig Kirill Kourlaev scheint zu wissen, wen er da tanzt, einen Ehemann, der seinen Panzer nicht durchbrechen kann, weil er die gesellschaftlichen Zwängen und seine Karriere höher schätzt, als die Gefühle für seine Familie und die ihm anvertraute Frau, mehr Schmuckstück als geliebte Gefährtin, nicht halten kann. Esina ist eine hervorragende Tänzerin, eine Schlangenfrau mit überlangen Gliedmaßen, elegant, geschmeidig, perfekt, aber seelenlos. Weder den Schmerz um den Verlust des Sohnes noch die flammende Erotik nimmt man ihr ab. Shishov kann da auch nicht viel dazu tun, auch er eine kräftige Tanzmaschine, die ästhetisch erfreut, aber nicht ergreift. Nicht immer zurechtgefunden auf der neuen Bühne haben sich die Mitglieder des Corps de Ballet, auch wenn Boris Eifman persönlich bei der Wiederauffrischung zugegen war. Eifman verlangt höchste Präzision in den schwierigen Ensembleszenen, von denen die Pas de deux der Protagonisten getragen werden, doch statt der kompakten, in den Volksopern-Aufführungen so beängstigend wirkenden Massenszenen, war eher eine verirrte Herde zu sehen, die ihren Auftritt möglichst schnell beenden wollte. Da konnte auch der gewagte Sprung Annas von der Brücke auf die Gleise des (vom Corps symbolisierten) Zuges nichts mehr retten. Alfred Eschwé dirigierte die Melodien von Peter Tschaikowski mit dem nötigen Pathos und durfte sich wie SolistInnen und Ensemble im Applaus des begeisterten Publikums sonnen.
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Ditta Rudle |
Online am: 13.06.2009, © www.tanz.at |