Allen Widrigkeiten zum Trotz |
Das Gastspiel des Balletts am Landestheaters Linz in Wien wurde zum Publikumserfolg |
Fidelio, Theater an der Wien, 10.06.2009. |
Jochen Ulrich, Ballettchef am Landestheater Linz, öffnet den Salon des 19. Jahrhunderts in den verschneiten Hof eines Gefängnisse, um die Geschichte von Florestan zu erzählen, der auf den Tod wartet und durch die Tapferkeit seiner Frau Leonore schließlich gerettet wird. Fidelio, die einzige Oper Ludwig van Beethovens, gilt gemeinhin als Apotheose auf eheliche Liebe und Treue. Ulrich befasst sich weniger mit dieser biedermeierlichen Idylle sondern mehr mit dem Schicksal Gefangener, der bösartigen Härte ihrer Wärter und auch den Wirren verirrter Liebe. Stellt er doch im ersten Teil des Balletts Marzelline, die Tochter des Kerkermeisters Rocco, in den Vordergrund. Das etwas dümmliche Mädchen (Ilja van den Bosch) verliebt sich glatt in Fidelio (Irene Bauer), die als Mann verkleidete Leonore. Das muss schief gehen. Die Anklänge an das Biedermeier stellen Dennis Russel Davies und Maki Namekawa her, die Alexander Zemlinskys Fidelio-Fassung für Klavier zu vier Händen spielen. Das Klavier, meist am Rand auf Drehbühne stehend oder nahezu unbemerkt fahrend, manchmal aber auch mitten auf der beschneiten Bühne, ist also der Rahmen für die Geschichte. Unbeteiligt am Geschehen rundum spielen Davies und Namekawa und sind doch mit ihrer einfühlsamen Interpretation, feinnervig im innigen Piano, kräftig im dramatischen Forte, Zentrum und Glanzstück der Aufführung. Die nämlich stand unter keinem guten Stern, hat sich doch Fabrice Jucquois, Tänzer des Don Pizzaro, noch vor der Premiere schwer verletzt und dennoch bereit erklärt aufzutreten. So gebührt ihm Krone für die eindrucksvolle Darstellung des Unbarmherzigen. Dass der Unfall auch den Rest des Ensembles durcheinander geworfen hat, zumal überdies einer der Tänzer wegen einer bei der Probe gebrochenen Zehe, aufgeben musste, ist verständlich und die fremde große Bühne hat ein Übriges dazu beigetragen, die Vorstellung nicht so kompakt und athletisch wirken zu lassen, wie man es von Jochen Ulrichs Kreationen gewohnt ist. Ulrich hält sich im Ablauf der Szenen an die Arien, Duette und Terzette der Oper, was das Verstehen der Handlung auch einem Ballett ungewohnten Publikum leicht macht. Dennoch illustriert er den Text nicht eins zu eins, sondern konzentriert sich mehr auf das Innenleben der handelnden/ tanzenden Personen. Zudem lässt er sowohl den gefangenen Florestan als auch die verkleidete Leonore von mehreren TänzerInnen darstellen - es geht nicht um ein Einzelschicksal, sondern ums große Ganze. Die Solisten des Linzer Balletts, vor allem Martin Vran_ als (erster) Florestan und Alexander Novikov als in Marzelline verliebter Pförtner Jacquino tanzen und spielen in gewohnter Qualität. Warum der Linzer Startänzer Martin Dvo_ák als teils schleimig unterwürfiger, teils von Gewissensbissen geplagter Kerkermeister Rocco, einem bekifften Christus gleicht und statt seine hohen, kräftigen Sprünge zeigen zu dürfen, hohläugig ins Publikum starren muss, hat sich mir nicht erschlossen. Berührende Pas de deux , ein schöner Pas de trois, die (für armselige Gefangene ungewohnt) kräftigen Hebefiguren der Männer und die Romantik der fallenden Schneeflocken (Metapher für die Kälte, aber auch für Schönheit und Freiheit, schließlich fallen sie aus dem offenen Himmel) ließen auch die Herzen des Publikums schmelzen und am Ende kräftigen Applaus und Hochrufe spenden. |
Ditta Rudle |
Online am: 13.06.2009, © www.tanz.at |