Heiße Rituale, kalte Lust

Starchoreograf Nacho Duato versetzt das Publikum in Ekstasse

Compañía Nacional de Danza, Festspielhaus St. Pölten, 16.05.2009.

Ob ein sinnenfreudiges Ritual, eiskalte Erotik oder das Profane im Heiligen zu sehen ist, die spanische Compañía Nacional de Danza, unter ihrem Chef, dem bei Maurice Béjart und Ji_í Kylián ausgebildeten Tänzer und Choreografen Nacho Duato, begeistert in jedem Fall.
Fließende Bewegungen und der Einsatz des ganzen Körpers im Raum, der sich nicht nur in den Himmel hebt, sondern auch auf der Erde rutscht und rollt, kennzeichnet die auf klassischer Basis ruhende unverwechselbare Tanzsprache Duatos. Mit drei Erfolgsstücken gastierte die exzellente Compañia in St. Pölten und riss das Publikum zu Beifallsstürmen hin.
„Gnawa“ erzählt von den mediterranen Vorfahren, einer ethnischen Minderheit in der Sahel-Zone und ihren Ritualen. Zur suggestiven Rhythmus-betonten spanischen und nordafrikanischen Musik entwickelt das Ensemble ein mitreißendes Ritual von sinnlicher Kraft. Die gesamte Gruppe wirkt als einziger Körper, aus dem sich nur hin und wieder einzelne Glieder lösen, um sich bald wieder am nächtlichen Fest zu beteiligen. Ein Hymnus an das Leben und die Götter entrollt sich als unaufhörlicher Reigen.
Mit seiner Interpretation von Henryk Góreckis Mariengesang „O Domina Nostra“ will Duato, wie der Komponist auch, der polnischen Jungfrau zu Jasnogóra, Symbol für die Unabhängigkeit Polens, huldigen. Ein begehbares Riesenkreuz im Hintergrund, eine Frau, weniger Himmelsmutter als weltliche Verführerin, zehn Männer. Aus diesem Arrangement gestaltet Duato einen Dialog zwischen dem Heiligen und dem Profanen. So musikalisch der Spanier sich in allen seinen Schöpfungen zeigt, so wenig, scheint mir, kann er mit der wuchtigen Orgelkantate Góreckis anfangen. Immer wieder entfernt sich das Bühnengeschehen von den Noten. Vielleicht ist aber auch das Heilige in dieser profanen Zeit bereits nicht mehr zu erreichen.
Körperskulpturen in kaltem blauem Licht, Männer im Käfig, die Frau als Domina, verschlungene Gliedmaßen, weiß leuchtende Arme und Beine, der Liebesakt wie in Zeitlupe gemeißelt. Mit „Cobalto“ setzt sich Duato mit der Erotik auseinander. Nicht das erwartete spanische Temperament lässt er leuchten, sondern die zugleich anziehende und abstoßende Atmosphäre des puren Sexus, gefühllos, giftig, brutal und süchtig machend. Von den drei Stücken, die Duato in St. Pölten gezeigt hat, das aufregendste, aber auch höchst befremdend.

Ditta Rudle

Online am: 19.05.2009, © www.tanz.at