Internationaler Budapester Mix |
Bereits Tradition hat das alljährlich zelebrierte Dance Forum. Dieses ungarische Tanz-Festival wird vom National Dance Theatre in Kooperation mit der Hungarian Dancers Association organisiert und findet immer rund um den am 29.April abgehaltenen Internationalen Tag des Tanzes statt. |
Budapest: DANCE FORUM, Palast der Künste, , 16.-30.04.2009. |
Als internationale Highlights waren heuer beim Budapester die Gastauftritte vom Cullberg Ballet (17./18.4.) und vom Cloud Gate Dance Theatre of Taiwan (27./28.4.) zu sehen, die das Festival krönen sowie von LADO, dem National Folk Dance Ensemble of Croatia (16.4.). Als Aufführungsorte dienten das National Dance Theatre (Großer Saal sowie Refektorium) im Burgbezirk und der an der Donau gelegene Palast der Künste, wo wegen des zu erwartenden Publikumsandrangs die beiden ausländischen Ensembles aus Schweden und Taiwan auftreten.
Große Bandbreite an Stilrichtungen Typisch für Tanzfestivals in Ungarn ist der breit gefächerte Bogen an Tanzrichtungen - von Folklore bis Tanztheater, von klassischem Ballett bis zeitgenössisch reicht die Bandbreite; aber auch spezielle Tanzproduktionen für Kinder werden vorgestellt. Vor allem die zahlreichen Folklore-Tanzaufführungen erfreuen sich in Ungarn stets größter Beliebtheit, sind diese Tänzer doch als Absolventen der Staatlichen Tanzakademie bestens geschult und tanzen auf höchstem Niveau. Publikumswirksame Handlungsstücke oder verschmelzende Kombinationen von verschiedenen Tanzstilrichtungen innerhalb einer Folkloreaufführung sind hier beim Publikum besonders gefragt. Vorstellungen boten alle bedeutenden ungarischen Tanzensembles, wie Honvéd Dance Theatre, Compagnie Pál Frenák, ExperiDance - Sándor Román Company, Compagnie Yvette Bozsik, Hungarian State Folk Ensemble, Szeged Contemporary Dance Company und Ballet Company of Györ. Vorgestellt wurden in diesem Rahmen die neuesten Produktionen einheimischer Compagnien - gleich fünf (!) Premieren vervollständigten das umfangreiche Programm: Game? mit Bertalan Vári (21.4.), Flabbergast mit dem Budapest Dance Theatre (22.4.; Choreografie: Gustavo Ramirez Sansano), Forever and Ever mit dem Duna Art Ensemble (23.4.), Gulliver mit dem KFKI Chamber Ballet (Produktion für Kinder; 28.4.) und Graffiti mit dem Hungarian Ballet Theatre Gödöllö (30.4.). Der heimische Ballettnachwuchs präsentierte sich mit der Gala der Hungarian Dance Academy (20.4.). Der Gala-Abend der ungarischen Dancers Association würdigt mit der Preisverleihung als Auszeichnung die besten Künstler des vergangenen Jahres (29.4.).
Nordische Tanzperformance 1967 von Grande Dame Birgit Cullberg gegründet, ist das Cullberg Ballet als schwedische Vorzeige-Truppe seit Jahrzehnten fixer Bestandteil der weltweiten Tanzszene, ist sowohl in internationalen Tanzfachkreisen wie beim Publikum hochgeschätzt. 1982 erregte die von Mats Ek kreierte Version von Giselle wegen des im Irrenhaus angesiedelten 2.Aktes noch helle Empörung, heutzutage ist dieses Meisterstück längst ein gern gesehener Klassiker, der mehr als 300mal in 28 Ländern (darunter auch Österreich) aufgeführt wurde. Weitere grandiose Choreografien von Mats Ek, (von 1985 - 1993 artistischer Direktor der Compagnie), sind ebenso ein Begriff, wie z.B. Schwanensee oder Dornröschen. Für das Gastspiel beim Dance Forum wurden drei Piecen von Johan Inger ausgewählt, der von 2003 - 2008 als artistischer Direktor des schwedischen Ensembles fungierte. Empty House zur Musik des ungarischen Komponisten Félix Lajkó leitete den Abend ein. Die nach Folklore klingende Musik mit einer fast hypnotisierenden, bezwingenden Geige nimmt jeden gefangen, lässt den Zuschauer nicht los und die Tänzer (4 Frauen und 6 Männer) ebenso. Dynamisch forsches Bewegen kontrapunktiert Verharren in Stille, suchen die Tänzer als Individuen Wege aus der Isolation, finden sich kurzfristig, gewinnen Energie aus der Parallelität im gemeinsamen Tanz, verlieren sich, um aus Verzweiflung erneut danach zu trachten, der Einsamkeit zu entfliehen. Die kraftvolle Erdigkeit der Bewegungen setzt sich in den gedeckten Farbschattierungen der Kostüme fort (Mylla Ek). Als Mittelstück kann Negro con Flores nicht ganz dieselbe Qualität durchhalten. Spannung induziert das Wechselspiel von Licht und Dunkel (Lichtdesign: Erik Berglund). Amüsante Effekte werden u.a. durch den Gebrauch einer frei schwingenden Lampe oder eines Blumenstraußes (beides in Anspielung auf den Titel) erzielt, dessen einzelne Plastikrosen als Dart-Pfeile Verwendung finden; dies alles bringt eine positivere Grundstimmung als das Stück davor. Dennoch wiederholt sich die Bewegungssprache, wirkt das Werk für 2 Frauen und 3 Männer mit 35 Minuten lang im Vergleich zum gleich dauernden Vorgänger; ist die Originalität bis zuletzt ausgereizt. Als genialer Schlusspunkt bietet Walking Mad, 2001 für das NDT kreiert, die ultimative choreografische Auseinandersetzung mit Ravel´s Bolero, kombiniert mit Musik von Arvo Pärt. Wie bereits im vorigen Piece zeichnet Johan Inger auch hier für das Bühnensetting und die Kostüme verantwortlich. Originalität und Witz in den zwischenmenschlichen Beziehungen von 3 Frauen zu insgesamt 6 Männern an, um und auf einer Holzwand, die mit einigen Türen sowohl als Trennmauer wie als am Boden liegendes Podium einsetzbar ist, machen dieses Stück kurzweilig und unterhaltsam ohne je banal zu werden. Die Erregungssteigerung in der Musik wird durch eine abwechslungsreiche Tanzsprache mit Anklängen aus der Alltagswelt und versehen mit feiner Ironie sichtbar gemacht, ist nur das Nachspiel ohne Musik fast zuviel, wirkt wie ein zu großer Gupf Schlagobers auf einer perfekten Torte.
Fernöstliche Tanzästhetik Moon Water, getanzt vom Cloud Gate Dance Theatre of Taiwan ist bereits im Juni 2005 im Festspielhais St.Pölten zu sehen gewesen. Das taiwanesische Ensemble, das 1973 in Taipeh gegründet wurde, beschwört mit seinem Namen eine 4000 Jahre alte Tradition: Cloud Gate, das Wolkentor, gilt als der älteste Tanz der chinesischen Überlieferung. Moon Water, 1998 choreografiert von Hwai-min LIN, ist wohl die bekannteste Arbeit des Cloud Gate Dance Theatre zur Musik der sechs Cello-Suiten von Bach. Gleichsam als Spagat von einst und jetzt gelingt der Brückenschlag zur Moderne für dieses erste Ensemble westlichen Zuschnitts in der chinesischen Geschichte mittels der beiden Pole Poesie u n d Kraft, wobei sich beim Betrachten dieses Tanzstücks die gedankliche Assoziation zu getanzte Kalligraphien aufdrängt. Der strenge Minimalismus der Kostüme von Ching-ju Lin, der puristisch angelegten Bühnenraum von Austin WANG im Verein mit dem Licht-Design von Tsan-tao Chang, das alles ergibt eine gewisse feierliche Zeremonial-Aura. Die Symbiose von Bachs Komposition und meditativer fernöstlicher Musik vom Band, die im Raum irrlichtert, auftaucht, verschwindet oder überraschenderweise explodiert, verleiht dem Stück eine zusätzliche faszinierende Note. Die Tänzer mutieren selber zu Schriftzeichen, zu cursives (so der englische Name chinesischer Kalligraphie). Inspirierend die sämtlich geschmeidig fließenden Tai-Chi-Movements oder die eruptive Kung-Fu-artige Dramatik des stop and go. Allerdings verlangten die besonderen Eigenarten dieser speziellen Tanzsprache, dass man sich in den 70 Minuten gänzlich auf das Dargebotene einlassen muss, um sich nicht vorzeitig und lediglich an der malerischen Ästhetik von Schönschriften satt zu sehen. |
Ira Werbowsky und Norbert A. Weinberger |
Online am: 10.05.2009, © www.tanz.at |
>