Mit den 2. Braunschweiger Tanzwelten hat sich Eva Maria Lerchenberg-Thöny sehr viel vorgenommen. Von 7. bis 15. März waren Compagnien aus 12 Ländern mit einer Vielfalt an Themen vertreten. Filme, Workshops, Zuschauergespräche mit dem Teilnehmer ergänzten das reichhaltige Programm. Nach dem Publikumserfolg ihrer neuen Version von Don Quijote für das Tanztheater des Staatstheater Braunschweig, wurde Salka Valka aus Island mit großem Interesse erwartet, in einer Choreografie von Audur Bjarnadottir nach dem gleichnamigen Roman des dem Nobelpreisträgers Halldór Laxness (1955) und mit der dafür komponierten Musik von Ulfar I. Haraldson. Doch mein Interesse galt nicht nur dem choreografischen Werk eines Landes, das auf keine ältere Tanztradition verweisen kann, sondern auch der Choreografin, die nach einer sehr früh begonnen, brillanten nationalen Karriere (Audur war schon mit 14 als Babyballerina in Island bekannt) eine bezaubernde Ballettsolistin an der damalige Bayerischen Staatsoper wurde mit einer ausgeprägten, reinen, klassischen Technik, Leichtigkeit, Sensibilität, fließenden, musikalischen Bewegungen
Mittlerweile ist Audur eine der bedeutendsten zeitgenössische Choreografinnen in ihrem Heimatland geworden. Sie hat mehrere Theaterstücke inszeniert, mehr als Choreografien, sagt sie. Nachdem ich zurück nach Island gegangen bin, wollte ich nichts mehr von Tutus und Spitzenschuhe wissen. Ich habe dann zuerst mehr über mich selbst zu erfahren, was ich eigentlich machen wollte. Ich habe eine Therapie gemacht und Yoga studiert, um mein Zentrum zu finden. Inzwischen ist Audur auch Yoga-Lehrerin geworden. Ihre hervorragende choreografische Arbeit ist bei Salka Valka deutlich zu spüren: ihre Kenntnis über Gestik, Raumaufteilung, ihr präzises Studium der Charaktere und die Dramaturgie. Die Musik von Haraldsar ist keine Untermahlungsmusik, sie unterstützt das Drama und setzt Akzente, die die verschiedenen Szenen verstärken oder abmildern. In ihrer Inszenierung distanziert sich Audur von den politischen Aspekten des Romans von Laxness, der sich auf die Geburt der Sozialistischen Arbeiterbewegung in einem Fischerdorf in Island bezieht. Audur erzählt von einem eingeengten Universum, von leidenschaftlichen Beziehungen machtlos dominierter Menschen. Verschiedene Ebenen werden hier in einer sehr gelungenen, intelligent durchdachten Konstruktion miteinander verwoben: realistische, brutale Sexualität, Poesie, Reinheit, Naivität, Fröhlichkeit. Der Geschichtsfaden wird von einem jungen Mädchen, die immer Hosen trägt, gesponnen - Symbol der Freiheit, die sie am Ende wählt, eine mutig Entscheidung in diesem Fischerdorf, wo doch die weiblichen Figuren lediglich Objekt der Begierde sind. Vor allem aber möchte Salka nicht wie ihre Mutter sein. Salkar Mutter ist sehr fleischig, sagt Audur. Sie treibt es schamlos mit dem brutalen Alkoholiker Steinhor. Mutter und Tochter haben eine zärtliche, vertrauensvolle Beziehung, obwohl sie von den Fischern als Hurentochter' beschimpft wird. Es ist ein Murmeln, das wie Peitschenhiebe wirkt. Salka wird von Steinhor vergewaltigt. Obwohl die Mutter der Tat zugesehen hat, ist sie davor weggelaufen und treibt es weiter mit Steinhor. Das war der Auslöser des Endes der Mutter, für das die Tochter Steinhor verantwortlich macht. Doch Steinhor liebt Salka, fährt nach America, um Geld für das Fischerdorf und für Salka zu bringen, er will auch die Trinkerei für sie beenden. Als Kontrapunkt zu dieser wilden, groben Welt, tritt ein Junge in Erscheinung, ein Romantiker, der liest und träumt. Auch er ist in Salka verliebt, kann sich aber nicht ernsthaft für die Beziehung entscheiden, nachdem seine Mutter ihn verlassen hat. Nun, glaubt der Junge nicht an das, was die Fischer ihm sagten: seine Mutter wäre gestorben. Denn sie erscheint ihm jede Nacht und für ihn sind die Träume wahrer als die Realität. Ein wunderschöner Pas de deux zwischen Salka und dem Jungen, legato, poetisch, ätherisch zeigt die Reinheit der idealen Liebe, und dabei auch die Vielfältigkeit des choreografischen Vokabulars von Audur. Die Bewegungen sind mit der Atmung verbunden, kommen aus der Tiefe des Bauchs. Lara Stefansdottir (die Mutter), ist auch Schauspielerin und Choreografin und besitz eine große darstellerische Kraft. Unnur E. Gunnarsdóttir (Salka), so ehrlich, rein, aber auch bewusst und mutig, macht dem Titel des großen Romans und der Choreografie von Audur alle Ehre. Johann Lindell bleibt als Steinhor in seiner furchtbaren Wildheit und Brutalität den üblichen Klischees fern. Pontus Petterson erzählt als Junge mit seinen wunderbaren Linien, seiner Leichtigkeit und seiner Mimik die Geschichte der ehrlichen und naiven Liebe. Mit nur neun DarstellerInnen schafft es Audur mit Salka Valka in einer kompakten, konsequenten und bewegenden Art zu beeindrucken. In jedem Moment ist das Meer als Macht über dem Irdischen gezeigt - rot, dunkelbraun, wunderbar blau oder fast weiß. Das Stück beginnt mit Projektionen von Riesenköpfen von Meeresvögeln mit langen Schnäbeln, Lichtreflektionen verbreiten am Horizont Träume, Gedanken und Wirklichkeiten, wie der Ozean schweben sie weiter in unserem Gedächtnis
Salka ist jetzt frei, frei und einsam wie ein einzelner kleiner Vogel über über den unbekannten Gischten und Himmeln. (S. Mallarmé) |