Choreografie der Zukunft

Die sechs Finalisten des Choreografen-Wettbewerbs Hannover lieferten beim Festival Tanzwelten einen spannenden Ausblick auf die zeitgenössische Choreografie.

Die Finalisten, Staatstheater Braunschweig, Kleines Haus, 09.03.2009.

Es war sicherlich eine fabelhafte Idee von Festivalleiterin Eva-Maria Lerchenberg-Thöny, die Finalisten des Hannoverschen Wettbewerbs in die Tanzwelten 2009 zu integrieren, da die sehr talentierten jungen Choreografen verschiedene Länder repräsentieren. Sechs kurze Stücke mit bis zu 15 Minuten Länge waren zu sehen.
„Switched“ (Umgeschaltet) des polnischen Tänzers Michal Rynia und des Serben Zoltan Markovic, die sich bei einem Workshop in Holland kennen gelernt hatten, hat den Abend eröffnet. Beide sind auf die Idee gekommen, zusammen von zwei verschiedenen Tanzrichtungen zu sprechen. Rynia und Markovic in schwarzen Anzügen gekleidet - einer in schwarzen Schleppchen, der andere in weißen Tennisschuhen - machen diese Absicht gleich zu Beginn deutlich. Von der „göttlichen“ 5. Position des klassischen Balletts über Streetdance, treten einander zwei wunderbare Tänzer mit Humor und glänzender Technik entgegen. Die Musik von J. Maihorn / D. Punk Technologie ist perfekt für dieses Werk ausgewählt worden: Impulse und Gegenimpulse vereinigen sich hier.
„In Passage“ (Musik: Arvo Pärt, Choreografie: Armando Braswell) ist ein Duett zwischen Mann und Frau. Verbindende Körper, ineinander verschmelzend… Langsam aber fügt sich etwas Zerbrochenes, Unterschwelliges in diese Beziehung ein. Die wunderschöne dunkle Haut des Mannes und die weiße goldene Haut der Frau, Kleidchen des zerbrechlichen Alltags… Zusammen und schon getrennt, traurig wie die Endlichkeit der Liebe.
„…and Carolyn“ in der Choreografie von Alan Lucien Oegen ist schon in Spanien und Dänemark ausgezeichnet worden und ist ein gewagtes Stück in dem Sinn, dass der Choreograf Texte und Musik aus dem Film „American Beauty“ vom Sam Mendes benutzt hat. Inspiriert von der Sentimentalität des Films, produzieren Texte, Musik und Darstellung einen kathartischen Effekt, „before you die“ … In einer unwahrscheinlichen Dynamik verlieren sich die Tänzer in der Suche nach dem Unendlichen.
Ohne Musik kommt „10 Years“ der slowenischen Choreografen und Tänzern Rosana Hribar und Gregor Luslek aus. Es ist ein Werk, so erklären die Choreografen, über die Liebe und künstlerische Beziehung, die die beiden seit elf Jahre vereinigt. Das Stück basiert auf Bewegungen, Atmung, rhythmischen Vokalismen, es ist akrobatisch und lustig! Welche Körperbeherrschung, Dynamik, präzise Gesten - doch am Ende wünscht man sich eine Spur mehr Ehrlichkeit und ein wenig Menschlichkeit, Emotion über die Präzision und Perfektion hinaus.
„Ever More“ aus China hat eine Überraschung in das Programm gebracht, da eine der drei chinesischen Tänzerinnen, die das Stück kreierten und darstellten, nicht dabei sein konnte. Juan Juan Sun, ein männlicher Tänzer musste in zwei Tagen das Stück lernen.
Die drei Darsteller sind in einfacher pyjama-artiger Kleidung gewandet und wiederholen - erst in Stille - rhythmische Bewegungen der Arme. Der Mann gibt einen neuen Rhythmus vor, die Bewegungen sind gleich, wiederholt. Die Tänzer sind in einer Reihe frontal zum Publikum platziert. Dann setzt traditionelle Musik im Hintergrund ein, wie ein Metronom… Plötzlich fällt einer der Tänzer, die Augen nach vorne fixiert, steht er auf … Es ist wie die Geschichte eines Volks, das „Muss“ der Arbeit, keine Identität, kein Platz für Müdigkeit, weiter nach vorn schauen, wobei kein „Vorn“ existiert. Weiter der Rhythmus der Arme zu der traditionellen Musik im Hintergrund… Es ist unheimlich schmerzhaft, geht tief, da hier ohne theatralische Mittel die schreckliche Geschichte der Hoffnungslosigkeit erzählt wird. Plötzlich drehen sich alle drei um - dann weiter frontal zum Publikum, weiter mit sich wiederholenden Bewegungen, die Spannung ist fast unerträglich… Sie trennen sich, sind sie deswegen frei geworden? Hat diese Trennung wirklich etwas verändert?
Ein hoch emotionales Stück, genial konstruiert - ein kleines Meisterstück. Dazu hat Juan vieles beigetragen - ohne es zu ahnen. Es ist, was Maurice Bejart einen „glücklicher Zufall“ nannte, diese Zufälle, die in einem Werk etwas Einmaliges und Fabelhaftes bringen. Juan, der so schnell die Bewegungen lernen musste, war etwas daneben. Minimalissimo daneben, aber jedes Mal, wenn er den falschen Rhythmus oder eine falsche Bewegung machte (was sofort korrigiert wurde), waren die Züge seines Gesichts leicht eingefallen, was der Aussage des kleinen, wunderbaren Stücks eine andere Dimension gab.
Mit „Tra me e se …. force“ (Zwischen mir und Dir …. vielleicht) in der Choreografie von Mirko Guido und von Zen Jefferson (beide aus dem Ensemble von Stephan Thoss in Wiesbaden) und Loic Perela getanzt schließt der Abend. Eine sehr gelungen strukturierte Choreografie, gefühlsbetont mit nuancierter, richtig platzierter Spannung, poetisch, sinnlich mit plastischer Schönheit - die „herausragenden“ Qualitäten eines Choreografen sind hier einwandfrei zu bemerken: Musikalität, choreografisches Vokabular, Gefühl für Raumaufteilung, für Linien, Richtungen und Licht.
Zwei Tänzer in schwarzer Hose mit Hosenträger, nackte Oberkörper, barfuss. Einer zierlicher und kleiner als der Andere. Wunderbare Körpersprache, die die Stille erfüllt.
Der lange Lichtteppich beschreibt einen Weg aus der Dunkelheit zum Gitarrensolo „Zwischen mir und Dir…vielleicht“. Dann fängt die Seele Feuer („El alma prende fuego“ von Lhasa) - ein superbes Solo von Jefferson: Verzweiflung, Kuss, Klaviermusik und Träume.
„Die Finalisten“ lieferten ein hoch interessantes, bemerkenswertes Bild der zeitgenössischen Choreografen der Zukunft.

Celi Barbier

Online am: 29.04.2009, © www.tanz.at