Die Zeit steht still, gestern ist heute

Tanzend erzählen die UreinwohnerInnen Australiens von ihrem und ihrer Ahnen Leben.

True Stories, Festspielhaus St. Pölten, 17.04.2009.

Das Bangarra Dance Theatre gilt als wichtige Vertreterin der Kultur der Ureinwohner Australiens. Unter der Leitung des Tänzers und Choreografen Stephen Page, selbst indigener Australier, hat die 1989 gegründete Company spätestens seit ihrem Auftritt bei der Eröffnungsfeier der Olympischen Sommerspiele in Sydney internationalen Ruhm erlangt. Den 20. Geburtstag feiert das Tanztheater im Frühjahr mit einer Europatournee und war mit dem Programm „True Stories / Wahre Geschichten“ auch im Festspielhaus St. Pölten zu Gast.
Die Bangarra Company hat es sich zur Aufgabe gestellt, das Alte mit dem Neuen - die Tanz- und Gesangstradition der Aborigines und Torres Strait Insulaner mit modernem Bewegungsvokabular - zu mischen und nicht nur von der Vergangenheit zu erzählen, sondern auch vom heutigen (keineswegs einfachen) Leben der Ureinwohner.
Die beiden gezeigten Choreografien spannten deshalb auch einen weiten Bogen, nicht nur über die Zeit (die Aborigines eigentlich gar nicht kennen), sondern auch über die stilistischen Möglichkeiten der Darbietung. Ganz auf der Basis ritueller Tänze entwickelte die Tänzerin Elma Kris (geboren auf Thursday Island / Torres Strait Inseln) ihre imponierende (erste) Choreografie, mit der sie an die „ganz alten Dinge“ / „Emeret Lu“ erinnert. Unterbrochen nur von einem innigen Pas de deux, sind Frauen und Männer jeweils als Ensemble auf der Bühne und zeigen den Alltag ihrer Vorfahren: Säen und ernten, Fischen und Jagen, Warten auf den Regen und Hören wie der Wind durch Bäume braust. Auf der meist geheimnisvoll ausgeleuchteten Bühne steht im Hintergrund ein aus Weidenruten geflochtenes Tor, das am Ende, bei der heiligen Zeremonie, eine Art Tempel freigibt. Während die Frauen eher einfach gekleidet sind, tragen die Männer den einer Krone gleichenden traditionellen Kopfschmuck, Oberkörper und Beine sind bunt bemalt. Auch wenn die „ganz alten Tänze“ eher einfach, vor allem durch Beinarbeit, auch kniend und über den Boden rutschend, ausgeführt werden, so ist in der Rasanz mancher Passagen und der Exaktheit der Gruppenbewegung auch das heutigen Ansprüchen entsprechende tänzerische Können zu sehen. Die alten Gesänge der Männer wurde von Steve Francis mit aktuellen Instrumenten zu Musik für heutige (westliche) Ohren arrangiert und mit Naturgeräuschen ergänzt. Die eindrucksvolle Bühnen-Erzählung vom alltäglichen Leben der Torres Strait InsulanerInnen ist ein abwechslungsreiches, ungewöhnliches Stück Tanztheater. Der lang anhaltenden Applaus bestätigte die Begeisterung des Publikums.
In starkem Kontrast dazu steht die Choreografie von Frances Rings, die sich mit den Folgen der britischen Kernwaffentests 1950 in der südaustralischen Region Maralinga beschäftigt. Damals starben Tausende Aborigines vom Stamm der Tjarutja an radioaktiver Verstrahlung, weil man das Siedlungsgebiet des Stammes für unbewohnt hielt. Heute ist die Gegend eine kontaminierte Wüste und die Bewohner leiden an den Spätfolgen des „X300“ genannten Versuchs. So, „X300“, nennt die in Amerika ausgebildete Choreografin (übrigens eine Aborigine mit auch deutschen Vorfahren) auch ihre mit den Mitteln zeitgenössischen Tanztheaters überzeugende Arbeit. Rings arbeitet mit einem eindrucksvollen Lichtdesign und eindrucksvollen Bildern in oft strenger Geometrie. Zwar sind die Mitglieder des Bangarra Ensembles ausgebildete Tänzer / innen, doch geht es ihnen nicht allein um die künstlerische Bühnenpräsenz. Sie wollen auch etwas mitteilen, von ihrem Leben und auch vom Leiden, von dem, was sie verloren haben und dem, was wiederfinden wollen, erzählen. So war dieser bemerkenswerte Abend nicht nur Genuss und Unterhaltung sondern auch eine Reise in ein fremdes Leben, das hier eher unbekannt und auch in der Heimat des Bangarra Dance Theatre gern verschwiegen wird.

Ditta Rudle

Online am: 21.04.2009, © www.tanz.at