Auf hohem Niveau und Aug in Aug

Mit Musik und Tanz können Grenzen verschoben und Gedanken entfacht werden.

Osterfestival Tirol, Innsbruck / Hall i.T., 27.03. bis 12.04.2009.

Trampeln, Jubeln, Toben - mit dem gleichen Enthusiasmus, den die neun jungen Männer des brasilianischen Tanzensembles Grupo de Rua auf der Bühne zeigen, werden sie auch vom Publikum bedankt. Mit der Aufführung von „H3“ ging das 21. Osterfestival Tirol zu Ende und wenn ich den Abend nicht als Höhepunkt bezeichnen kann, so liegt es nur daran, dass jedes einzelne der mehr als 40 Ereignisse als Höhepunkt hervorzuheben ist. Von der koreanischen Teezeremonie und dem Puppenspiel aus Burma über zeitgenössische Musik bis zur Johannespassion von Johann Sebastian Bach und den barocken „Leçons Ténèbres“, Filmvorführungen, Workshops, dem „Markt des Möglichen“ in dem es um neue (andere) Lebensformen ging und der mit 22 jungen CellistInnen jeweils an einem anderen Ort durchgeführten Gedenkaktion gegen den Krieg, bot das Festival ein mit Bedacht zusammengestelltes vielfältiges Programm.
Geboren in der Galerie St. Barbara in Hall in Tirol, ist das Festival unter der umsichtigen und konsequenten Leitung der Familie Crepaz längst ein fester Bestandteil des Tiroler Kulturgeschehens. Zum ersten Mal oblag heuer die künstlerische Leitung der Tochter des Gründerpaares, Maria und Gerhard, Hanna Crepaz. Unter dem Motto „Entgrenzung | Sehnsucht“ hat sie das Spektrum behutsam erweitert und den Dialog unterschiedlicher Kulturen intensiviert. Das Besondere am Osterfestival Tirol ist der ideelle Bogen, der sich über sämtliche Veranstaltungen spannt. „Wir wollen nicht die Oberlehrer spielen, aber seichtes Unterhaltungstrallala, das liegt uns auch nicht“, sagt Hanna Crepaz. „Wir suchen in unserem Programm immer eine Verbindung zu den Menschen und zu den Problemen der Zeit.“ Mehr als 90 Prozent Auslastung bestätigen das Konzept.

Im Einklang mit dem geistig-kulturellen Hintergrund
Neben alter und neuer Musik spielt auch der Tanz immer eine besondere Rolle im Festivalprogramm. Zu Beginn war heuer der palästinensische Performer Tarek Halaby (Schüler von Anne Teresa De Keersmaeker) zu Gast. Mit der Fotoausstellung „Actually, I Am Someone“ (Porträtfotos von Menschen aus dem Gazastreifen) und der Performance „Finally | I Am No One“ beschäftigte sich der Tänzer mit seinen Wurzeln und dem Leben in Palästina, das - er ist zur Zeit in Brüssel zu Hause - nicht mehr das seine ist. Das Mandalay Marionettentheater aus Burma zeigte mit Menschen und Marionetten „Musik und Tanz am Hofe des Königs“. Noch im 19. Jahrhundert erlaubten die burmesischen Könige bei Vorstellungen keine echten Tänzer auf der Bühne, da die Schauspieler das höfische Publikum physisch überragt hätten. So war es nur den Marionetten gestattet, sich auf hohen Bühnen über den Adeligen zu bewegen. „Ah-Myint-Tha-Bin“ wurden die Vorstellungen genannt: „Eine Darbietung auf hohem Niveau“.
Dass die eindrucksvolle Aufführung der Meditationsmusik von De Lalande und Marc-Antoine Charpentier im barocken Riesensaal der Innsbrucker Hofburg am Karsamstag stattgefunden hat, ist kein Zufall. Folgt doch die Programmgestaltung keineswegs dem Tourneekalender möglicher Gäste sondern dem künstlerischen Anspruch, dem geistig-kulturellem Hintergrund der Veranstalterfamilie und der christlichen Tradition in der österlichen Zeit. Zum Vergnügen ist die Passionsmusik aus dem 17. Jahrhundert, aufgeführt vom Ensemble „Le Poème Harmonique“ unter Vincent Dumestre, nicht gerade gedacht. Dennoch wurden die düsteren Gesänge vom Publikum mit Begeisterung aufgenommen. Auch ohne Quotengier und flache Events gerät das traditionelle Festival zum Erfolg.

Action aus Brasilien
Gänzlich unterschiedlich war die Publikumsmischung dann am Ostersonntag, als die jungen Tänzer aus Brasilien über die Bühne wirbelten. Der Gründer und Choreograf der Gruppe, Bruno Beltrão, begann als HipHopper und war bereits vor zehn Jahren, mit 19, ein berühmter und preisgekrönter Tänzer. Bald war ihm die HipHop-Technik jedoch zu eintönig und er begann die Bewegungsabläufe zu erweitern, andere Tanzformen zu integrieren, mit ihnen und gegen sie zu arbeiten. Seine Stücke, zu letzt „H3“, sind weiter entwickelter HipHop, moderner Tanz auf Basis der Straßenakrobatik. Was geblieben ist, ist die ungewöhnliche körperliche Energie, mit der die Tänzer die Bühne beherrschen. Gezeigt wird kein durchgehendes Stück, sondern einzelne Szenen, in ausgeklügelter Lichtregie, die vom Duo bis zum rasanten Gruppentanz reichen. Die Tänzer rennen, stolpern, springen aufeinander zu, stoppen kurz davor, ohne einander zu berühren, zeigen kämpferische Aggressivität und auch Momente der Zärtlichkeit und des Innehaltens. Die musikalische Untermalung besteht aus Straßengeräuschen aus dem Hintergrund und dezenten elektronischen Tönen, die den Rhythmus akzentuieren. Beltrão lässt seine jungen kräftigen Tänzer immer wieder in Dialog miteinander treten, aber auch zu neunt in Wellenbewegung die Bühne umspannen, sodass ein Sog entsteht, der das Publikum von den Sitzen zu reißen droht. Das Festivalmotto der Entgrenzung, konnte die Truppe in allen Bereichen erfüllen: stilistisch, geografisch und sozial. Action dann am Ostermontag, junge Tanzbegeisterte versuchen sich als HipHopper. In zwei Workshops lernen Jugendliche die Tänzer der Grupo de Rua kennen, sprechen und tanzen mit ihnen. Ditta Rudle

Osterfestival 2010 in Innsbruck und Hall i. T., vom 19. März bis 5. April 2010.
http://www.osterfestival.at/

Ditta Rudle

Online am: 15.04.2009, © www.tanz.at