Farbenrausch im Märchenland

Das Ensemble der Staatsoper Kiew reist mit einer verkürzten Fassung von Tschaikowskis Ballettklassiker durch Europa.

Dornröschen, Festspielhaus St. Pölten, 20.03.2009.

Mit dem Vorhang geht auch das Herz auf. Der Alltag ist vergessen, wenn Jung und Alt ins Märchenland tauchen und die Geschichte von der schlafenden Prinzessin erleben. Ballett und Orchester der Ukrainischen Staatsoper Taras Schewtschenko Kiew verzaubern mit einem Rausch von Klängen und Farben, mit wirbelnden Pirouetten und hohen Sprüngen. Gern kann da übersehen werden, dass die Tänzerinnen des Corps die Bühne des Festspielhauses St. Pölten nicht wirklich kennen und sich hie und da verirren, dass der Raum mitunter zu eng wird und der Sprung abgebrochen werden muss. Auch dass die pastellfarbenen Feen keine Gelegenheit haben, ihre Variationen zu zeigen, kann, wenn auch nicht leicht, verschmerzt werden. Das Kiewer Ensemble, seit 15 Jahren durch Europas Lande reisend, tanzt quasi die Originalfassung in einer von Viktor Litwinov adaptierten Choreografie nach Marius Petipa. Wenn es denn eine verbriefte Originalfassung des 1890 in St. Petersburg uraufgeführten Balletts tatsächlich gibt.
Die Enttäuschung dass der in Wien als Gaststar bekannte Leonid Sarafanov nicht wie angekündigt als Prinz Désiré erschienen ist, konnten die SolistInnen des Kiewer Ensembles mehr als wett machen. Elena Filipjewa, ein wahres Spitzentalent, tanzt eine bezaubernde, etwas verschmitzte Aurora, die von Maxim Nedak als Désiré mit faszinierend hohen Luftsprüngen erobert wird. Oleg Tokar legt die böse Fee Carabosse gar nicht so arg böse an, ist eher ein grantiges Hutzelweib und bringt wie der köstlich majestätische König Wladimir Tschuprin auch die nötige Ironie in den Märchentraum. Wie es der russischen Balletttradition entspricht, legen die SolistInnen weniger Wert auf dramatisches Spiel und intensiven Gefühlsausdruck als auf die Kunst des Tanzes. Das ist schon in Ordnung, die Geschichte ist ja bekannt und großartige Entrechats, wirbelnde Pirouetten und ein von der Prinzessin in sicherer Balance gestandenes Rosenadagio können auch glücklich machen.
Das detailreiche barocke Bühnenbild mit den bunten durchsichtigen Vorhängen, die perfekte Tiefenwirkung suggerieren, die prächtigen Kostüme (kostspielige Stoffe in einer fein abgestimmten Farbenorgie) und die hinreißende Musik Peter Tschaikowskis (das Orchester der Staatsoper dirigierte Vladimir Koshuchar) ließen die Sehnsucht nach einer geglückten Inszenierung des unvergänglichen Ballett-Klassikers an der Wiener Staatsoper gar heftig wach werden. Monsieur Legris, hören Sie?
Das Ensemble der ukrainischen Staatsoper verzauberte mit einem mehr als hundert Jahre altem Meisterwerk und stürzt mich damit in den bereits uralten Konflikt: Petipa oder Ulrich? Klassisches Ballett oder moderner Tanz? Akademische Perfektion oder moderne Interpretation? Tschaikowski gibt die erlösende Antwort. Kein „oder“ sondern „und“. Was immer auf der Bühne passiert, Körperkunst oder Seelenkunde, es ist erlaubt. Die geniale Musik, nicht umzubringen, (er)trägt alles.

Ditta Rudle

Online am: 26.03.2009, © www.tanz.at