Starkes Standbein, lockeres Spielbein |
Mit viel Tanz und denkwürdigen Laudationes wurde in Essen der Deutsche Tanzpreis 2009 an den Schweizer Ballettchef Heinz Spoerli und der Deutschen Tanzpreis "Zukunft" an den Ausnahmetänzer Marjin Rademaeker verliehen. |
Tanzpreis-Gala, Aalto Theater Essen, 21.03.2009. |
Die Verleihung des Deutschen Tanzpreises ist immer ein glanzvolles Fest, das ausgedehnt gefeiert wird. Auch heuer dauerte der Festakt viereinhalb Stunden. Gewürdigt wurden Heinz Spoerli, der den Tanzpreis 2009 in Anerkennung seiner Verdienste um den Tanz verliehen bekam und der Tänzer Marjin Rademaeler, der mit dem Deutschen Tanzpreis Zukunft geehrt wurde. Leider konnte man sich an diesem Abend nur über Videos ein Bild von Marjin Rademaeker machen, der wegen einer Krankheit nicht auftreten konnte. Und doch hätten dieser Ausnahmetänzer an diesem einen Abend in Live-Darbietung nicht annähernd sein breites künstlerisches Spektrum so darstellen können wie es der Videozusammenschnitt zeigte. Ob in klassischen Balletten, abstrakten, modernen Choreografien (Äffi von Markus Goecke ist mittlerweile ja Rademaekers Markenzeichen geworden) oder als Charakterdarsteller (in der Titelrolle in Spoerlis Peer Gynt oder als Jago in Neumeiers Othello), er scheint jede Rolle verinnerlichen zu können. Der 27-jährige Erste Solist des Stuttgarter Balletts ist freilich schon längst auf einem Höhepunkt seiner Karriere angelangt, hat das Repertoire der großen Choreografen bereits erobert und neue Werke geschaffen. So sagte der Laudator, der Choreograf Christian Spuck denn auch: Deine Zukunft als Tänzer ist doch schon da, also: Warum Tanzpreis 'Zukunft'? Vielleicht versteckt sich in diesem Preis die Hoffnung und Aufforderung an Dich, ein ganz Großer der Tanzwelt zu werden; ein Künstler, der es schafft, neue Wege zu finden; ein Tänzer, der Spuren hinterlassen wird. Davon kann man bei diesem Talent getrost ausgehen. Das Reizvolle des Tanzpreis-Gala sind neben den Tanzdarbietungen immer wieder die Laudationes*. Mit sehr viel Bedacht bestimmt das Gremium im Trägerverein Deutscher Berufsverband für Tanzpädagogik die Personen, die eine Ansprache für die Preisträger halten. Wenn Tänzer und Choreografen immer wieder behaupten, dass tanzen und nicht reden ihr Metier ist, so strafen sie sich hier Lügen, denn hier sind ihre Reden immer auf sehr hohem Niveau. Auch der Choreograf Martin Schläpfer (zur Zeit Ballettchef in Main, ab der nächsten Saison an der Deutschen Oper am Rhein) zeichnete mit seinen Worten ein pointiertes Bild von Heinz Spoerli. Du bist ein Gesamttalent', ein Künstler, zusammengefügt aus vielen Summen, ein Mann, der als Ballettdirektor, Choreograph, Macher von hervorragenden Compagnien, als Tanzpolitiker und Geschäftsmann gleichermaßen hochbegabt und erfolgreich tätig ist, sagte er zu dem Preisträger. Ich glaube, dass sich irgendwo hinter dieser Addition, dieser Anhäufung an Fähigkeiten und Begabungen das Phänomen Spoerli verstecken könnte - es sich durch die Zersplitterung in seine Einzelteile besser verstehen lässt, es sich einem vielleicht so ein bisschen erschließt.
Das umfangreiche Programm, das Spoerli und seine Compagnie, das Zürcher Ballett, nach Essen gebracht haben, hat jedenfalls eine Vielfalt seiner choreografischen Ideen näher gebracht, in deren Mittelpunkt immer die Musik steht. Bach scheint für Spoerli sein idealer musikalischer Partner zu sein. (Seine Goldberg Variationen sind wohl sein erfolgreichstes Ballett.) In Essen brachte er zwei Ausschnitte aus seinem neuen Werk zu Bach-Musik zur Uraufführung und zeigte mit dem Brandenburgischen Konzert Nr. 3 seine hinreißende Art, Gruppen zu choreografieren. Außerdem tanzte die famose Compagnie Ausschnitte aus Brahms - ein Ballett, Les débauches du rêve (Alexander Skrjabin) und aus dem märchenhaft schönen Sommernachtstraum (Philip Glass). Die Bochumer Philharmoniker unter der Leitung von James Tuggle und der Pianist Alexey Botvinov sorgten im Orchestergraben für den richtigen Ton.
So bleibt auch 2009 zu sagen: die Reise nach Essen lohnt sich doch immer wieder. In diesem Sinne schließe ich mich Heinz Spoerli an und hoffe dass der Preis noch lange besteht und dem Tanz das Gewicht und die Bedeutung in der Öffentlichkeit gibt, die ihm zustehen: Damit er ein fest etablierter und gut geförderter Teil unserer Theaterlandschaft bleibt mit einem sicheren Standbein und einem lockeren, risikofreudigen Spielbein.
Die Laudationes zum Deutschen Tanzpreis 2009 sind nachzulesen in Ballett Intern 1/2009, das ebenso wie alle Laudatien des Tanzpreises zum Download zur Verfügung steht:
http://www.dbft.de/ballett-intern.html
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Edith Wolf Perez |
Online am: 26.03.2009, © www.tanz.at |