Überbordende Liebe zu musikalischen Misstönen

Eine tänzerisch hervorragende Aufführung litt unter der musikalischen Stabführung von Michael Halász

Romeo und Julia, Wiener Staatsoper, 25.03.2009.

Das Staatsopernballett kann sich glücklich nennen, einen beeindruckenden Tänzer als Einspringer zu haben, wenn ein anderer, ebenso beeindruckender Kollege sich verletzt: Mihail Sosnovschi übernahm am 25.3., wie schon am 23.3., den Romeo von Robert Tewsley.
Doch nicht Romeo, auch nicht Julia - der erste große Szenenapplaus gilt an diesem Abend Mercutio. Wie Denys Cherevychko einen frechen Witzbold darstellt, sich wendig und vergnügt zeigt und seine Tour-en-l´air-Sprünge und seitlichen Grand-Jetés höchst präzise ausführt, ohne die geringste Anstrengung zu zeigen, erfreut Ballett-Kenner ebenso wie jene im Publikum, die seine technische Finesse vielleicht weniger zu würdigen wissen, aber einfach sehen, dass hier ein Tänzer vor Energie und Übermut sprüht.
Was aber keinesfalls die Leistungen von Maria Yakovleva und Mihail Sosnovschi schmälern soll. Yakovlevas Julia ist anfangs so verspielt, so kindlich übermütig, dass es eine Freude ist. Wie ihre Julia sich über ein neues Kleid begeistern kann, ist einfach entzückend. Und ebenso entzückend ist sie auch, als sie Romeo auf der Feier kennen lernt, mit ihm abseits in einem Raum ist und wiederholt von Paris (Alexandru Tcacenco) und ihrer Mutter (Alexandra Kontrus) unterbrochen wird. Yakovleva vermittelt die Scheinheiligkeit, die ihre Figur in diesem Moment an den Tag legen muss, sehr gut.
Sosnovschi zeigt einerseits in den Szenen mit Romeos Freunden Spritzigkeit und Wendigkeit, andererseits ist er Yakovleva nicht nur der ideale Partner für die von beiden technisch exzellent ausgeführten Hebungen und Drehungen, sondern darüber hinaus ein ausdrucks- und gefühlvoller, behutsamer Liebender.
Die Annäherung Romeos und Julias hat überhaupt etwas Behutsames, das doch aufblühende Liebe spüren lässt. Bei Yakovleva meint man gar in einer einfachen Armbewegung zu erkennen, wie bewegt, wie innerlich aufgewühlt dieses junge Mädchen durch die Begegnung mit Romeo ist. Beim großen Pas-de-Deux in der 6. Szene ist die Liebe ganz offensichtlich schon gewachsen: Zwar scheint Yakovleva nach wie vor überrascht über die Zuneigung Romeos, sie tanzt mit einer Leichtigkeit, die jugendliche Frische spürbar macht. Und doch ist es eine schier überbordenden Liebe, die zwischen ihr und Sosnovschi erblüht und in diesem Pas-de-Deux und durch die wunderbare Harmonie der beiden Solisten sichtbar wird.
Zu Beginn des zweiten Akts ist es Karina Sarkissova, die als Zigeunerin durch ihre lebendige Ausstrahlung, ihre hohen Battements und ihre Präzision in Beinarbeit und Hebungen zu begeistern weiß. Sie harmoniert hier gut mit Mercutio Denys Cherevychko, der mit schier endlosen Fouetté-Folgen besticht und noch im Überlebenskampf - erdolcht vom unerbittlichen, kalten und daher dem Rollenprofil hundertprozentig gerecht werdenden Eno Peci als Tybalt - übermütig tanzt.
Im dritten Akt gelingt es Maria Yakovleva wieder, durch ihre geschmeidigen, oft behutsam wirkenden Bewegungen ebenso zu bestechen wie durch ihr Schauspiel. Wenn sie Romeo nicht aus ihrem Schlafgemach lassen will, ist sie mal bockig, mal schwach, aber immer leidenschaftlich. Auch wenn sie dagegen ankämpft, mit Paris verheiratet zu werden, ist Yakovleva eine starke Mimin. Auch kreieren sie und Sosnovschi eine eindringliche Sterbeszene. Der Abend wurde unter großem, wenn auch verhältnismäßig kurzem Applaus beendet.
Der Wehrmutstropfen der Aufführung ist das Spiel des Orchesters unter Michael Halász. Letzterer lässt Prokofjews Musik oft dröhnen, die Darbietung wurde von der Autorin dieser Zeilen oft als zu laut und zu aufdringlich empfunden - und dies nicht nur in Szenen des Kampfes und der Verzweiflung, sondern durchgehend.

Theresa Steininger

Online am: 26.03.2009, © www.tanz.at