Verführerischer Teufel |
Jochen Ulrich erzählt das Märchen von der schlafenden Schönen als Metapher für das Erwachsenwerden. |
Dornröschen, Landestheater Linz, 14.03.2009. |
Eifrig bemühen sich König und Königin ein Kind zu zeugen. Es will nicht gelingen. Da kann nur noch der Teufel helfen. Der kriecht auch hervor, schön und verführerisch mischt er sich in das Gerangel der Leiber. L'amour à trois. Die Übung gelingt. Der Teufel verhilft der Königin zur erwünschten Tochter und will sie auch gleich gegen einen Wechselbalg tauschen. Ein zweites, finsteres Ich des liebreizenden Mädchens. Der Teufel heißt Carabosse und ist eine hinreißend böse Fee, das Kind ist Aurora, die später im Rosenhag von der Liebe träumen wird. Jochen Ulrich lässt zur Musik Peter Tschaikowskys ein Dornröschen auf dem Seziertisch tanzen, das so gar nichts süßes und romantisches an sich hat, sondern nach der durch den teuflischen Carabosse gestörten Taufe zu einem eckigen, aufmüpfigen Teenager heranwächst, die mit Neugier aber auch Angst, die ersten erotischen Erfahrungen macht. Das Ende ist dann doch märchenhaft: Prinz Desiré küsst der Schwiegermutter die Hand und darf seine Aurora in die Arme schließen. Ulrich hat gemeinsam mit seinem Team eine ganz heutige Dornröschen-Version geschaffen, die mit vielen Einfällen und wenigen Plattheiten, eine psychologisch fein begründete Handlung zeigt und durch klare Dramaturgie (Sarah Schäfer; Szenario: Frank Wünsche) das Publikum so richtig mitleben lässt. Selbst wenn die zahlreichen Zitate, Metaphern, Allegorien und Anspielungen aus der Mythologie und Kunstgeschichte nicht direkt entschlüsselt werden können. Die Oberfläche des Handlungsverlaufs ist klar: Verzauberung, Schlaf, Erweckung, Hochzeit. Ulrich zeigt aber auch, was sich darunter abspielt, in der Seele der heranwachsenden jungen Frau, zwischen den Eltern und in den (bekanntlich leeren) Köpfen der Prinzen. Die Feen sind teils schöne Männer und die Prinzen, ach die Prinzen, keinen würde Aurora ablehnen, wäre da nicht Carabosse, noch schöner, noch erotischer und doch auch gemein, gierig und abstoßend. Ulrich lässt es nicht an Humor fehlen, zeigt die Prinzen als Schweine, Wölfe und Hirsche und lässt das berühmte Rosenadagio aus dem 1. Akt als Pas de cinque von kraftvollen Männern tanzen. Aurora (Ilja van den Bosch) ist zwar in der Geschichte die Hauptperson, doch auf der Bühne sind es die Männer. Allen voran Publikumsliebling Martin Dvo_ák als Carabosse. Muskulös und wie seine Mitbewerber (Alexander Novikov, Daniel Morales Pérez, Jonatan Salgado Romero) meist mit nacktem Oberkörper tanzend, ist Matej Pajgert als Désiré ein Prinz, den auch die Königin gern in ihrem Bett hätte. Carabosse gönnt ihn weder der Tochter noch der Mutter, entführt den Schönen in die Unterwelt. Wie Andrea Mantegnas Christus liegt der bleiche Désiré auf dem Seziertisch. Doch die Fliederfee greift auch diesmal rettend ein, holt den Bräutigam aus dem von Hunden und Schakalen (Carabosse hält es mit Anubis, dem ägyptischen Totengott) bewachten Orkus wieder nach oben, ins Diesseits. Kuss und Schluss. Stephan Mannteuffel hat mit durchsichtigen bemalten Stoffbahnen ein barockes Bühnenbild geschaffen, aus dessen Himmel die Feen eine nach der anderen herabschweben. In der (geträumten) Liebesszene kommen diese leichten Prospektbahnen betörend schön zur Geltung: Aurora nähert sich erstaunt dem Prinzen - ohne Attitude und Arabesque, nicht als Marionette im Korsett des Spitzentanzes, sondern barfuss, zögernd und neugierig. Die Bahnen schwingen, die Welt beginnt sich zu drehen, das junge Paar vergisst sie. Mannteuffel ist auch für die Kostüme verantwortlich: fließend leicht für die Damen, mehr entblößend als verhüllend für die Männer. Wer die klassischen Versionen des Balletts (von Petipa bis Malakhov) nie gesehen oder wieder vergessen hat, ist gut dran. Kein Bild im Kopf stört die Interpretation Ulrichs, die mit Hilfe von Dennis Russel-Davies (der als Chefdirigent das Brucknerorchester zu Höchstleistungen führt) auch der Musik jegliche Zuckersüße und Rosigkeit nimmt und das Böse beklemmend präsent sein lässt. Ulrichs (und seines Teams) Dornröschen ist kein Märchen, sondern eine Geschichte aus dem Leben, märchenhaft erzählt.
Nächste Termine: 17., 21., 26., 29., 31. März; 13., 20., 24. April. http://www.landestheater-linz.at/
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Ditta Rudle |
Online am: 16.03.2009, © www.tanz.at |