Ekstatischer Schmerz |
Alain Platel geht großen Gefühlen auf den Grund und bringt sie in "Echtzeit" auf die Bühne. |
pitié!, Tanzquartier Wien, 06.03.2009. |
Menschen im Grenzbereichen sind ein ergiebiges Tanz-Thema. Keine andere Kunstform ist wohl so geeignet psychische Ausnahmesituationen derart differenziert auszudrücken. In der Verkörperung werden sie sichtbar, spürbar, erlebbar. Alain Platel geht in seinen Inszenierungen jedoch einen Schritt weiter. Er sucht die großen Gefühle. Nicht individuelle Befindlichkeiten, sondern Emotionen, die die Welt bewegen, will er in Echtzeit auf die Bühne bringen. Mit vsprs, dem Stück in dem die DarstellerInnen mit schonungsloser Härte das Tourette-Syndrom verkörperten, begann er den Weg, den er nun in pitié! ebenso radikal weiterführt. Mit ekstatischer Passion stürzen sich die TänzerInnen diesmal in den Schmerz. Wie in vsprs die Marienvesper von Monteverdi so hat diesmal der Musiker und Komponist Fabrizio Cassol die Matthäuspassion von Johann Sebastian Bach auseinander genommen und daraus eine neue Komposition geschaffen - mit mehr oder weniger starken Anklängen an das Original, interpretiert von acht MusikerInnen und drei SängerInnen. Auch Alain Platel folgt der Kreuzigungsgeschichte nicht chronologisch. Der Schmerz der Mutter Maria angesichts des Todes ihres Sohnes mag laut Programmheft Ausgangspunkt für seine Choreografie gewesen sein. Das Ergebnis ist jedoch die Darstellung - nein, vielmehr das Sichtbar-Machen - des Schmerzes in vielerlei Ausformung. Wenn die TänzerInnen ihre Haut verwuzeln, als wollten sie sie von den Knochen ziehen, ihre Körper in angespannten Muskelverzerrungen und hoch gespannter Konzentration verrenken, dann ist das nicht gespielt. In der Gruppe übersteigt der Schmerz das individuelle Leiden und wird zu einer kollektiven Erfahrung. Selbstgeißelungen werden von den DarstellerInnen mit voller Härte vollzogen, sie peinigen sich oder den anderen ohne Erbarmen und steigern sich in eine Raserei des Schmerzes, in eine (religiöse) Ekstase. Nachdem es sich um ein multikulturelles Ensemble mit Mitgliedern aus Afrika, Asien, Amerika und Europa handelt, spiegelt diese Leidensgeschichte Jesus alle Religionen wider. Da gibt es etwa eine Klagemauer mit eingebauten Mikrophonen, an der die DarstellerInnen intime Beichten ablegen oder Jesus Worte beim letzten Abendmahl wie bei einem Stille-Post-Spiel flüstern. Und Selbstgeißelungen sind ja bekanntermaßen nicht nur christlicher Ritus. Allein die skulpturalen Bilder von Kreuzweg-Stationen bringen die Geschichte zu ihrem Ursprung zurück; die Kreuzigung selbst wird durch ein Beil symbolisiert, das die Sängerin Claron McFadden mit aller Wucht in den Tisch treibt. Zwei Stunden der Marter und Pein enden dennoch beinahe versöhnlich, wenn die DarstellerInnen zu Erbarme dich!, in dem Bachs Originalmelodie unverkennbar durchklingt, einzeln und ihre Rollen ablegend die Bühne verlassen. Pitié! erreicht vielleicht im ersten Moment nicht den gleichen, erschütternden Impakt wie vsprs. Vielleicht hätte es auch einige Kürzungen vertragen. Doch steckt diese Passionsgeschichte voller Leidenschaft und Schönheit. Hier geben die DarstellerInnen - MusikerInnen wie TänzerInnen sind jede/r auf seine/ihre Weise VirtuosInnen - nichts vor, sondern verkörpern ihre selbst gefundenen Schmerzen. Damit erreicht die Inszenierung eine Authentizität, der sich der Zuschauer nicht entziehen kann. Der physische Schmerz der TänzerInnen lässt keinen kalt.
"Pitié" ist am 30. April beim Bregenzer Frühling zu sehen: www.bregenzerfruehling.at
www.lesballetscdelab.be |
Edith Wolf Perez |
Online am: 10.03.2009, © www.tanz.at |