Musik bewegt, Musik belebt

Saskia Hölbling choreografierte einen Abend zu Werken von Luciano Berio

Berio in Bewegung, Konzerthaus, Neuer Saal, 12.02.2009.

Drei Stücke aus verschiedenen Schaffensphasen des 2003 verstorbenen italienischen Komponisten Luciano Berio hat Saskia Hölbling ausgewählt, um sie für die Bühne zu inszenieren. In Zusammenarbeit mit der Wiener Taschenoper ist ein Abend entstanden, der so einmalig wie unterhaltsam ist. Zu Berios 1985 entstandner Komposition „Naturale“ (für Viola, Schlagzeug und Zuspielband) lässt sich leicht tanzen, hat doch der Komponist selbst die Erklärung „Choreografischer Akt“ darunter gesetzt. Entstanden ist das rhythmische mit Themen sizilianischer Folklore durchsetzte Stücke für das Aterballetto in Reggio Emilia. Dennoch wird es meist konzertant aufgeführt. Moravia Naranjo aber zeigt, um wie viel einprägsamer, bewegender die Musik wird, wenn eine Tänzerin sie in Bewegung umsetzt. Der Körper wird zum Instrument, das die Noten gleichberechtigt neben der Solobratsche (Petra Ackermann) interpretiert. Naranjo konzentriert ihre Bewegungen in Anlehnung an die Bratschistin mehr auf den Oberkörper, die Arme, Hals und Kopf und benützt dennoch den gesamten schmalen Bühnenraum im angenehmen und akustisch bestens ausgestatten Neuen Saal im Souterrain des Konzerthauses.
Als bewegte Installation auf drei Videowänden gestaltet Hölbling Berios elektronische Sprachkomposition „Visage“. Berio gestaltete 1961 im Studio der R.A.I. ein elektronisches Stimmporträt , gewidmet Cathy Berberian, deren Stimme er für das Arrangement benutzte. „Es ist eine Arbeit für ein Radioprogramm, eine Tonspur für ein nicht geschriebenes Drama. Seine Ausrichtung ist also nicht wirklich der Konzertsaal“, sagt Berio selbst zu seinem Werk. Saskia Hölbling ließ sich von der elektronisch bearbeiteten Frauenstimme zu einem Tanz der Gesichter, vor allem der Münder, Zungen, Augen und, was das Gesicht Moravia Naranjos betrifft, auch der Nasen, inspirieren. Das Stück war von der R.A.I lange Zeit boykottiert worden, weil die elektronischen Geräusche erotische Assoziationen hervorriefen. Was so falsch nicht ist. Obwohl kein einziges sinnvolles Wort gesprochen wird, ist mit all dem Seufzen und Stöhnen, Schmatzen, Schnalzen, Gurren, Lachen, Weinen und Artikulieren von Buchstaben und Silben ein Drama zu hören und im konkreten Fall auch zu sehen. Die bewegten Gesichter von Heide Kinzelhofer, Moravia Naranjo, Fabrice Ramalingom, Virginie Roy-Nigl und Stephen Thompson erzählen Tragödien und Komödien, die sich das Publikum selbst zusammenreimen kann, so es sich nicht einfach dem abstrakten Genuss der tanzenden Visagen und der scheinbar emotionsgeladenen „Stimme“ hingeben will.
Den Abschluss bildet die Nummer V aus der Serie der „Sequenza“, Kompositionen für Soloinstrumente. In der gewählten, für Posaune (komponiert für Stuart Dempster) hat sich Berio an den Musik-Clown Grock erinnert, der für ihn ein ständiges „Warum?“ in den Augen trug. Für dieses Stück hat Berio sehr genau Regieanweisungen gegeben, bis hin zur Kostümierung und manchen Armbewegungen. Der Musiker soll ein Clown sein und der Posaunist Johannes Ettlinger, tätig im Bühnenorchester der Wiener Staatsoper, tut dies mit Charme und Würde, aber auch mit Virtuosität am Instrument. In der Inszenierung muss der Posaunist nicht hinter sein Instrument zurücktreten und nur der Musik dienen, er darf auch er selbst sein oder wenigstens die Rolle spielen, die der Komponist (die Regisseurin) verlangt.
Bieten die beiden Eckstücke eine flüchtiges Erlebnis, so eignet sich „Visage: Ereignisreicher Gesichtertanz“ durchaus zur Aufbewahrung und neuerlichem Kunstgenuss. Eine sehr feine Arbeit, an der auch Wolfgang Reisinger am Schlagzeug in „Naturale“, Doron Goldfarb als Videokünstler, Reto Schubiger als Lichtregisseur und Ferdinando Maffii als Musikdramaturg beteiligt waren.

Ditta Rudle

Online am: 16.02.2009, © www.tanz.at