Gegen den Strich gebürstet |
Emanuel Gat ist für jede Überraschung gut und kratzt auch Klassikern des Tanzes die Patina ab. |
Winterreise / My Favorite Things / Sacre du printemps, Festspielhaus St. Pölten, 14.02.2009. |
Der israelische Tänzer und Choreograf Emanuel Gat hat Mut. Selbstbewusst wagt er sich an die Ikonen der Choreografie und der Musik, um sie neu und ganz anders auf die Bühne zu bringen. Weder vor Franz Schuberts Winterreise noch vor Igor Strawinskis Sacre du Printemps schreckt er zurück und beschert damit dem Publikum überraschende, verblüffende Erlebnisse. Die Bereitschaft Standpunkte zu wechseln und Vorurteile abzulegen, vorausgesetzt. Drei Lieder aus der Winterreise wählte Gat, um mit Roy Assaf im Duo Kälte und Angst, Trauer und Tod zu tanzen. Als Doppelgänger umkreisen einander die Männer - barfuss, im eisblauen Kleid über dunkler Hose, mönchisch rasierter Schädel -, bewegen sich nebeneinander, synchron, streben wieder auseinander, suchen einer den anderen, berühren sich nie, werden immer schwächer, wanken dem Tod entgegen. Gat vermeidet dabei, den Text (Der Lindenbaum, Wasserflut Der Leiermann) zu interpretieren und lässt sich mit seinem Partner Assaf ganz in die Gefühlswelt dieser Reise in den Winter fallen. Man muss die Kälte und den Weltschmerz der Winterreise schon mögen, um dieses wie in Trance getanzte Duo zu genießen. Ein König der Musikwelt ist auch der Saxophonist John Coltrane. Von dessen Interpretation des Songs von Richard Rogers My Favorite Things ließ sich Gat zu einem Solo inspirieren, mit dem er, in einem Lichtstreifen, springend, kriechend, rutschend und schreitend, ganz in der magnetischen Musik des Jazzers aufgeht, selbst zur Kantilene wird. Gat legt wenig Wert auf Beinarbeit sondern entwickelt sein Tanzvokabular vor allem aus dem Oberkörper. Schultern, Rückgrat, Arme und Hände sind nahezu immer in Bewegung, die Beine werden hauptsächliche zum Gehen verwendet oder müssen sich zum Knien beugen. Das ist einprägsam zu sehen und auch im Programmheft belegt: Beinarbeit finde ich weniger interessant, wir sprechen ja nicht mit den Füßen, sondern mit dem Oberkörper. Eine sehr eigenwillige Ansicht. Wer mit den beiden ersten eher asketisch kargen Darbietungen Schwierigkeiten des Mitschwingens gehabt haben mag, musste sich nolens volens von Gats eigenwilliger Interpretation des Sacre - kein Choreograf kann an dieser Ballettkomposition vorbei gehen - mitreißen lassen, obwohl auch diese nicht das Erwartete bot. Emanuel Gat lässt drei Frauen und zwei Männer auf einem roten Viereck zu Strawinskis hämmernden und stampfenden Klängen eine weich rieselnde Salsa tanzen. Die Paare umschlingen einander, lösen sich, verschwinden aus dem Zentrum in den Schatten und finden einander wieder zur endlosen Kette. Wie Puppen lassen sich die Frauen von den beiden Männern manipulieren, herholen, wegschicken, verschaukeln. Haare fliegen, Röcke schwingen, Leiber verwickeln sich im lasziven Rotlicht zur unauflösbaren Schleife. Zur Raserei steigert sich das Spiel - Salsa hin, Partystimmung her: Strawinski gibt den Takt an - bis zum tödlichen Finale. Ein aufwühlendes Fest für Augen und Ohren.
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Ditta Rudle |
Online am: 16.02.2009, © www.tanz.at |