Eine Liebesgeschichte mit dem Leben |
In einer Ballettwerkstatt erzählte der Hamburger Ballettchef John Neumeier über die Entstehung seines Stücks Tod in Venedig. |
Ballettwerkstatt, Theater an der Wien, 31.01.2009. |
Jubel und stehende Ovationen für tanztechnisch herausragende Leistungen und ein gekonnt gezeichnetes Künstlerporträt gab es am Freitag, 30.1., für das Hamburg Ballett bei dessen Gastspiel mit Tod in Venedig im Theater an der Wien. Tags darauf lud Choreograf und Ballettchef John Neumeier zur Ballettwerkstatt, in der er Einblicke in seine Kreation gab: Für mich ist mein Ballett ein Stück über einen Künstler, der in seinen Werken besteht, die wiederum nur durch seine Kontrolle existieren können. Und eines Tages dreht er sich weg von seiner Arbeit um zu leben - ,Tod in Venedig' ist für mich also eine Liebesgeschichte mit dem Leben. Bei Neumeier wird aus Manns Autor Aschenbach ein Choreograf. Um dessen anfängliche starre Verbundenheit mit seinem Werk auf die Bühne zu bringen schuf Neumeier das, was er eine Choreografie von ihm, nicht von mir nennt: Das, was Aschenbach hier choreografiert, wäre niemals mein Stil. Es hat keinen Fluss, es ist vielmehr eine interessante Ansammlung von Bewegungen, über die er während des Choreografierens nachdenkt.
Der Schöpfer als Thema
Schon mehrmals hat sich Neumeier dem Thema des Künstlers als Schöpfer in Balletten gewidmet (Nijinsky, Die Möwe,..). Doch in keinem ist es so stark wie hier. Ich will nicht sagen, dass ich ein Ballett über mich selbst gemacht habe, aber natürlich kennt man Dinge, führt Neumeier aus. In den Figuren Seine Konzepte etwa hat Neumeier seine Erfahrungen als Choreograf einfließen lassen: Man kämpft manchmal - wie hier Aschenbach - mit seiner Kreation. Mal ist sie lieb, mal schmeißt sie einen hin, mal hebt sie einen hoch. Auch dass in manchen Szenen unmotiviert eine unbeteiligte Figur auf die Bühne kommt, soll verdeutlichen, wie ein Choreograf in Gedanken von einer Kreation zur nächsten springt beziehungsweise von Einfällen abgelenkt wird: Man will sich auf etwas konzentrieren und plötzlich kommt eine andere Idee. Als Musik hatte Neumeier anfangs Johann Sebastian Bachs Die Kunst der Fuge ausgewählt: Doch je mehr ich daran arbeitete, umso mehr merkte ich, dass diese beiden großen Werke nicht zu verbinden waren. Der Zufall wollte, dass auf der gleichen CD ,Das musikalische Opfer' von Bach war - und dass dieses Stück mit Friedrich dem Großen zu tun hatte, über den ja mein Aschenbach ein Ballett schaffen sollte. Die Wahl des ersten Musikstücks war getroffen, durch Richard Wagners Klavierwerke sollte es kontrastiert werden. Viele meinen ja, Wagner sei das wahre Vorbild für Aschenbach gewesen, so Neumeier. Ich wählte die Wesendonck-Lieder, weil sie ebenso für eine verbotene Liebe stehen wie Tadzio. Die so unterschiedlichen Musikstücke unterstreichen Neumeiers Wunsch den Gegensatz zwischen der Rationalität und der Welt von Sinnlichkeit und Exzess, in die es Aschenbach zieht, aufzuzeigen.
Hohe Erwartungen
Noch nie habe ich ein Ballett gemacht, das mit so vielen Erwartungen verknüpft war, gibt Neumeier dann gegen Ende der Ballettwerkstatt zu. So wollten die Leute zum Beispiel Venedig auf der Bühne. Ich habe dann ein zeitloses Venedig geschaffen, indem ich Bewegungssprache und Dynamik anders gestaltet habe als in der strengen Choreografie am Anfang in Aschenbachs Heimat. Dazu fiel Neumeier Schreiten und Spazieren der oberen Gesellschaft, das Spielen der Jungen am Strand, aber später auch ein wildes Bacchanal und eine Rockszene ein. Die Irritationen stehen eben im Kontrast zu der Strenge am Beginn. Während in Thomas Manns Buch das Höchste, das Aschenbach vom Objekt seiner Sehnsüchte - dem Buben Tadzio - erhält, ein Lächeln ist, kommt es bei Neumeier sogar zu Berührungen und einem Pas de Deux: Ein Lächeln sieht man auf der Bühne nicht, ich fand eine andere Ebene, indem Tadzio ihn stößt und ihm aufhilft. Doch ich weiß nicht, wie viel von dem Pas de Deux, das folgt, real ist und wie viel in Aschenbachs Phantasie passiert.
Im Kopf des Choreografen
Dass das Hamburg Ballett im Rahmen der Werkstatt einige Sequenzen passend zu Neumeiers Ausführungen gleich vorzeigte, trug zum Verständnis der Ideen des Choreografen bei. Wie interessant es doch sein kann, einmal in den Kopf des Choreografen hinein zu schauen und somit einen anderen Blick auf ein Stück werfen zu können!
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Theresa Steininger |
Online am: 07.02.2009, © www.tanz.at |