Der Tanz mit den Todesengeln

John Neumeier gelingt ein großartiges Ballett nach Thomas Manns Novelle, wenn auch mit zuviel Pathos

Tod in Venedig, Theater an der Wien, 30.01.2009.

Was immer er macht: seine Stücke haben Hand und Fuß, sind dramaturgisch stringent, ausgezeichnet choreografiert und getanzt. John Neumeier ist ein Profi der alten Schule, eine Gallionsfigur des neoklassischen Tanzes. Die Frage der Qualität ist bei ihm kein Thema: Seine Arbeit hat sie immer. Kein Wunder also, dass der Bellettchef des Hamburg Balletts (seit 26 Jahren) in Wien ebenfalls auf ein begeistertes Publikum zählen kann.
Auch in seiner Interpretation von Thomas Manns Novelle „Tod in Venedig“ (Uraufführung 2003) ist alles überlegt und stimmig: Der Schriftsteller Gustav von Aschenbach wird bei Neumeier zum Choreografen, der an seinem Werk über Friedrich den Großen zu scheitern droht. Aschenbachs Choreografie ist formal und steif und hebt sich von Neumeiers eigener, fließender Bewegungssprache, mit der er das Ballett erzählt, deutlich ab. Die musikalische Verbindung von Bach und Wagner unterstützt den Wechsel zwischen verschiedenen Ebenen: der „Realität“ der Erzählung und den psychologischen Zuständen Aschenbachs. Auch das Ineinandergleiten von Klavierbegleitung (live gespielt von Elizabeth Cooper) und Orchesterversion (vom Band) ist klug gelöst.
Lloyd Riggins bietet als Aschenbach eine großartige Leistung: Er ist klar in seinem Ausdruck, präzise in seinen Bewegungen und während der ganzen 2 _ Stunden des Balletts eine unübersehbare Präsenz auf der Bühne, auch wenn er in einzelnen Szenen nur als Zuschauer teilnimmt. Sowie der Rest des Hamburg Balletts großartig tanzt und agiert.
Neumeiers Ballett wenig mit Viscontis Kultfilm gemein. So ist die Figur des Tadzio kein ätherisches Wesen, sondern ein bodenständiger, muskulöser junger Mann (Edvin Revazov). In ihm findet Aschenbach sein Schönheitsideal und seinen Todesengel. Zwei weitere Figuren (Otto Bubenicek und Amilcar Moret Gonzalez) begleiten Aschenbachs letzte Stunden in verschiedenen Gestalten - als Wanderer, Gondoliere, Dionysos oder Friseure. Tadzios Mutter tritt auch als Aschenbachs Assistentin und Mutter auf, verbindet also alle Frauen, die im Leben des Choreografen von Bedeutung sind, in einer Person.
Trotz der Komplexität dieses Totentanzes verliert Neumeier nie den dramaturgischen Faden und führt den Zuschauer fürsorglich durch die scheinbar verwirrenden Konstellationen.
„Tod in Venedig“ ist bei Neumeier das Portrait eines Verzweifelten, der an seiner Arbeit und dem Leben zerbricht und der in den letzten Stunden seines Lebens die Liebe kennenlernt. Auch wenn sie sich im Subjekt seiner Begierde nicht erfüllen kann, gibt ihm diese Begegnung mit Tadzio inneren Frieden, vermag er doch erstmals „Liebe zu choreografieren“ (Programmheft).
Über diesen Gefühlszuständen liegt allerdings ein triefender Pathos, der vor allem in der Mimik der Hauptpersonen ins Groteske verzerrt wird. Tadzio ist, wie gesagt, ein blonder Hüne, dem man den kindlich, leicht stupid lächelnden Knaben, der immer wieder Ball spielend über die Bühne hüpft, nicht abnimmt. Auch Lloyd Riggins kommt mit seiner Mimik nicht über den Betroffenheitsfaktor hinaus. Wenn die Pianistin (eine charismatische Musikerin) dann auch noch mit zögerlichen Gesten fassungslos das Bühnengeschehen verfolgt, kippt der Pathos ins Lächerliche. Diese wunderbaren Tänzer und Musiker sind keine guten Schauspieler. Und eigentlich ist das Minenspiel auch völlig überflüssig - Neumeiers Kunst der sprechenden Körper würde vollauf genügen, um komplexe Emotionen glaubhaft zu portraitieren.

Edith Wolf Perez

Online am: 02.02.2009, © www.tanz.at