Pirouetten und Wackelpopos

Eine Revue als Touristenattraktion

Die Fledermaus, Wiener Staatsoper, 27.01.2009.

Roland Petit, der vor dreißig Jahren, die Choreografie zum Ballett „La Chauve-souris“ erdachte ist ein alter Herr, sozusagen der Grandseigneur des französischen Balletts. Das Publikum weiß das zu ehren. Monsieur Petit, der bei der Premiere seiner Revue (von einem Ballett kann wahrlich nicht gesprochen werden) in der Staatsoper anwesend war, bekam herzlichen Applaus und auch Jubelrufe. Den Blumenstrauß hat sich die Ballettdirektion erspart. Gute Sitten sind nicht mehr gefragt.
Gefragt ist die Quote. Und die wird sicher zufriedenstellend sein, wenn nur Reisebüros und Hotelportiers das richtige Datum bekannt geben. Das Libretto sieht zwar nicht Wien sondern Paris als Ort des Geschehens vor und dieses Geschehen ist auch nicht so gefinkelt amüsant wie das in der Operette von Johan Strauß, doch die untreuen Ehemänner gibt es überall und zu identifizieren sind die wechselnden vier Wände auf der Bühne ohnehin nicht.
Wenigstens die Musik zur mageren Handlung ist wienerisch, von Johann Strauß, wie erwartet. Doch hatte der Australier Douglas Gamley an den Melodien der „Fledermaus“ nicht genug, mischte Marschmusik und Polkas dazu und für den einzigen Pas de deux die „Sphärenklänge“ von Strauß-Bruder Josef. Bei einer Revue werden vor allem die Beine geschwungen, die Hinterteile wackelnd präsentiert und Pirouetten gedreht. Dass diese nicht so gelangen, wie sie sein sollten, lag wohl an der Menge.
Petit hat nahezu alle seine Choreografien für seine Frau Zizi Jeanmaire geschaffen, die mit ihrem französischen Charme und dem akzentuierten persönlichen Tanzstil, das Publikum eroberte. Wenn Zizi am Ende des 1. Aktes das Kleid der biederen Hausfrau und Mutter abgelegt hat und als Vamp in der Bar auftaucht, um den Gatten (und nicht nur den) zu verwirren, dann hat es auch im Publikum geknistert. Olga Esina ist eine wunderbare Tänzerin, doch eine Bella, eine Femme fatale, eine schillernde Figur, die allen Männern den Kopf verdreht, ist sie nicht. Sie bleibt ein Schwan, auch im Pariser Cabaret. Kirill Kourlaev bemüht sich redlich, der vergnügungssüchtigen Ehemann Johann (die Fledermaus, die sich mit zerrupften Flügeln tatsächlich aus dem Fenster schwingt) zu sein. Auch er ist kein Revuetänzer und ist überdies für den verletzten Vladimir Shishov eingesprungen. Einzig Eno Peci konnte sich mit der Rolle des Hausfreundes Ulrich identifizieren, der Figur Kontur und Charakter geben. Als chaplinesker Clown brachte er den ironischen Esprit ein, der diesem an Höhepunkten armen Abend ein erfreuliches Glanzlicht aufsetzte.
Jean-Michel Wilmotte, für das Bühnenbild verantwortlich, hat sich für keinen Stil entscheiden können und gegen Ende wohl überhaupt die Lust am Design verloren. Das große Walzerfinale findet vor Spiegeln statt, doch die Effekte sind nicht zu sehen. Am Gefängnistor davor herrscht graue Langeweile. Das mag auch an der lustlosen Lichtregie von Jean-Michel Désiré gelegen haben. Lustlosigkeit herrschte auch im Orchestergraben, auch wenn Michael Halász dirigierte, als stünde er vor einer Militärkapelle.
Aber das ist alles nicht wichtig. Die Quote muss stimmen. Diese „Hegemonie der Quote“ nennt der Künstler Peter Weibel „die unsichtbare Herrschaft der Dumpfbacken“. Seine bange Frage: „Wer protestiert gegen die repressive Zensur durch Unterhaltung, die alles Wissenswerte verdrängt?“ muss ergänzt werden: Die Zensur der Quote verdrängt auch jeden künstlerischen Anspruch, jeden kreativen Höhenflug, jede Herausforderung für das Publikum. So lange alle Karten verkauft sind, wird das die Verantwortlichen nicht stören. Und vielleicht hatten ja auch die Tänzerinnen und Tänzer Spaß an diesem petit Rien.

Nächste Vorstellungen 2. 2, (Irina Tsymbal als Bella) 4. 2. (Roman Lazik als Johann)

Ditta Rudle

Online am: 02.02.2009, © www.tanz.at