Die Lust am Risiko |
Die integrative britische Compagnie Candoco zeigt, dass künstlerische Qualität nicht vom perfekten Körper abhängig ist. |
The Perfect Human; Still, Posthof Linz, 19.01.2009. |
Wir haben uns immer als Tanzcompagnie und nicht als Behindertencompagnie gefühlt, sagte mir Celeste Dandeker, Gründerin und künstlerische Leiterin der britischen Compagnie Candoco, 1995 in einem Interview. Dandeker, ehemalige Tänzerin der London Contemporary Dance Company und nach einem Unfall an den Rollstuhl gefesselt, hat in ihre Compagnie-Idee zwar nicht mehr das Ideal des perfekten Körpers repräsentiert, sehr wohl aber die ästhetische Linie des Contemporary Dance beibehalten. Candoco steht heute für eine integrative Compagnie sowie für eine harte, fordende Tanzsprache der Gegenwart und ist sowohl in der Welt der integrativen Ensembles als auch der zeitgenössischen Tanzcompagnien eine einzigartige Erscheinung.
Bei ihrem jüngsten Gastspiel in Linz im Rahmen von Theaterlust von Linz09 in Kooperation mit dem Festival sicht:wechsel tanzte das siebenköpfige Ensemble Choreografien von Hofesh Shechter (der bei den Tanztagen 2008 im Posthof Furore machte, siehe Kritik) und von Nigel Charnock, seit vielen Jahren Garant für eine provokante Mischung aus Tanz, Revue und Theater.
Beide Stücke sind keine Schonkost, weder für das Publikum noch für die Tänzer, die die Herausforderung mit Bravour annahmen. Die Ensemble-Szenen wirken trotz der unterschiedlichen Körper wie aus einem Guss. Die Soli sind scharf in Szene gesetzt. Insgesamt eine großartige Leistung. Doch weil diese Gruppe in keinem Moment auf Mitleid oder Nachsicht setzt, nein, mehr noch, weil der künstlerische Anspruch so klar eingelöst wird, werden auch die choreografischen Schwächen offenbar. In The Perfect Human hat Shechter zwar seine aggressiv-dynamischen Tanzsprache bestens in Szene gesetzt und Vorstellungen von Perfektion auch mit Humor ausgelotet, sich aber à la long in Wiederholungen verstrickt und den dramaturgischen Bogen nicht gefunden. Nigel Charnock hat in Still eine für ihn typische Collage realisiert, inklusive Publikums-Anmache. Hier liegt die Herausforderung nicht so sehr in der tänzerischen Schwierigkeit als in der offensiven Performance der Darsteller, die bei allen Bemühungen nicht das Original - also Charnock selbst, erreichen können. Wer seine Arbeit in den letzten Jahren verfolgt hat, kennt seine Tricks und Facetten, die an ihm doch immer wieder faszinieren. Übertragen auf eine Tanzcompagnie, verliert Charnocks Art ihren Punch. Und dennoch waren die beiden Choreografen für die Compagnie gut gewählt, denn sie forderten die Tänzer mit ihrer ganzen Persönlichkeit. Und wer Tanz und die Integration unterschiedlichster Körper mit einer derartigen Qualität schafft, hat einen Platz auf dem Siegerpodest für immer erobert. Die Frage ist nie, was wir nicht können, sondern was wir können, sagte Celeste Dendeker im damaligen Interview. Wir gehen nicht auf Nummer Sicher, wir riskieren einiges ...
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Edith Wolf Perez |
Online am: 26.01.2009, © www.tanz.at |