Dynamik und Brillanz

Das Cedar Lake Contemporary Ballet überzeugte mit einem Querschnitt des Repertoires

Cedar Lake Contemporary Ballet, Festspielhaus St. Pölten, 24.01.2009.

Zeitgenössischer Tanz muss nicht sperrig, nicht langweilig, nicht publikumsfern sein. Zeitgenössischer Tanz darf dynamisch und abwechslungsreich, ironisch und akrobatisch, zu Herzen gehend und unterhaltend, ausdrucksvoll und geschmeidig, neu und doch vertraut sein. Wenn, ja wenn kluge ChoreografInnen mit bestens und mit allen Fasern (die der Muskel und Sehnen und die des Hirns und des Herzens) trainierten Tänzerinnen und Tänzer zusammenarbeiten. Im fast ausverkauften Festspielhaus St. Pölten konnte dieser Glücksfall erlebt und genossen werden. Das erst fünf Jahre alte Cedar Lake Contemporary Ballet aus New York bot einen - dem Jubel am Ende nach zu schließen - viel zu knappen Überblick aus dem weitgespannten Repertoire.
Die Vielseitigkeit des Ensembles zu zeigen, diente ein Zusammenschnitt einer Collage, die Ohad Naharin (Chef und Choreograf der Batsheva Dance Company) aus zehn früheren Werken gebastelt hat. Für den israelischen Choreografen bedeutete es „einen anderen “, für das Publikum einen flüchtigen, teils amüsierten, teils andächtigen, Blick auf die Energie und Körperbeherrschung der Cedar Lake-TänzerInnen.
Unter dem Motto „Rettung“ hat die kanadische Choreografin Chrystal Pite zehn traumhaft schöne Pas de deux für fünf TänzerInnen erdacht. In fließendem Wechsel und sich wandelndem Licht gelingt es mit „Ten Duets on a Theme of Rescue“ die unterschiedlichsten Stimmungen und Bilder - der Liebe, der Freude und der Melancholie - zu erzeugen, die zum Denken und Träumen anregen. Eine wunderschöne, perfekt ausgeführte Arbeit, die zeigt, dass Qualität nicht von der Länge abhängt. Alle zehn Duos zusammen dauern kaum 15 Minuten.
Zum Abschluss bewegten sich die Tänzerinnen und Tänzer in einem surrealen Raum, den Miriam Buether (Bühne + Kostüme) und Ben Ormerod (Licht) für die niederländische Choreografin Didy Veldman geschaffen haben. „Frame of a View“ nennt Veldman vieldeutig das Kommen und Gehen, Anziehen und Abstoßen der Personen, Lieben, Leiden und Lachen in einem surrealistischen Raum. Drei gelbe Türen, keine Wände, kein Dach, fragil und äußerst stabil zugleich, doch dahinter lauert das Nichts. Unterschiedlichste Musikstile (von zeitgenössischen Kompositionen, vom Kronos Quartett interpretiert, bis zum Hit von Jacques Brel) erzeugen die unterschiedlichsten Stimmungen. Inspiriert von Bildern Edward Hoppers oder Max Ernsts, erlaubt Veldman ihrem Publikum nicht, in einem Gefühlszustand zu verharren. Auf Melancholie folgt Ironie, auf sarkastischen Witz tödlicher Ernst, auf Geheimnis totale Klarheit. Bevor es einem das Herz zerreißt (Ana Maria Lucaciu als Verlassene über den Tisch tanzend) wellt sich schon wieder das Zwerchfell (Jason Kittelberger als Retter aller Frauen). Es sind kleine Bilder, die unvermittelt oder auch als Fortsetzung des vorigen entstehen, knappe Anekdoten, die ein ganzes Leben erzählen können. Didy Veldman hat schon während ihrer Karriere als Tänzerin für ihre Kompanien choreografiert und konzentriert sich seit acht Jahren ganz auf die Schöpfung neuer Tanzstücke. „Frame of a View“ ist ihr jüngstes Werk, eben erst für die Cedar Lake Company geschaffen; die Premiere fand am 8. Jänner 2009 in New York statt, die Europapremiere erlebte man in St. Pölten.

Ditta Rudle

Online am: 26.01.2009, © www.tanz.at