Romantische Höhepunkte

Applaus für Andrian Fadeyev, Rosenregen für Vladimir Malakhov, der einen weiteren Wiener Triumph feierte

Giselle, Wiener Staatsoper, 7., 9. und 21.12.2008 .

Mit zwei Gaststars wurden die Aufführungen der romantischen Geschichte vom verführten Bauernmädchen „Giselle“ zum vorweihnachtlichen Erlebnis. Zwei Mal begeisterte Andrian Fadeyev, Principal Dancer des Mariinski-Theaters in St. Petersburg, als Herzog Albrecht. Zum Abschluss und vom Wiener Publikum frenetisch gefeierten Höhepunkt der vierteiligen Serie (die erste Aufführung tanzte Gregor Hatala (zur Kritik) war Vladimir Malakhov als verliebter untreuer Herzog zu sehen.
Fadeyev ist ein spritziger überaus beweglicher Tänzer, der durch seine zahlreichen Gastauftritte in aller Welt zur perfekten Technik auch seine Darstellungskunst vervollkommnet hat. Seine Partnerin, Staatsopernsolistin Aliya Tanikpaeva, ist eine erfahrene Giselle, jugendfrisch im ersten Akt, verzweifelt und gebrochen im zweiten, auch wenn ihr das naive, fröhliche Mädchen mehr liegt, als die tragische Rolle als Willi. Tanikpaeva steht und dreht sicher auf der Spitze und besticht durch anmutigen Port de bras. Für den blonden Fadeyev scheint die dunkelhaarige Tänzerin aus Kasachstan die ideale Partnerin zu sein, ist er doch der Danseur noble schlechthin. Sprungkräftig und weich landend, mit virtuoser Beinarbeit (mit atemberaubenden Battements), überzeugt er mit einer romantisch eleganten Interpretation. Durch die permanente Arbeit an der Darstellung der Rollen und makellose Technik, ist Andrian Fadeyev längst zur Weltspitze aufgestiegen. Auch wenn ihm, obwohl Gast und Star, in Wien keine Rosen gestreut wurden. Da sind die Wiener Ballettfans eigen. Sie küren ihre Lieblinge, überschütten sie mit Blumen und bleiben ihnen auf immer treu. Den anderen wird respektvoll applaudiert.
Vladimir Malakhov wird diese herzliche und lautstarke Zuneigung traditionsgemäß im vollen Maß zuteil, kaum hat er die Bühne betreten. Sein Albrecht ist aber auch unnachahmlich. Ein Herzog, der weiß, was er will und doch wirklich verliebt ist. Malakhov tanzt, selbst wenn er auf der Bank sitzt, sich glücklich zur Musik von Giselles Freudengehopse wiegt und später starr vor Entsetzen, sieht was er angerichtet hat. Fast könnte man vergessen, dass dieser so bescheidene Star nur eine Rolle spielt, so überzeugend wirkt auch seine Mimik, ob glücklich lachend oder vom Gram nieder gedrückt. Wie hoch der an beiden Knien operierte Ausnahmetänzer springt, wie perfekt er hebt oder dreht, ist nicht wichtig. Malakhov bezaubert in jedem Fall.
Bezaubert hat auch seine Partnerin, Diana Vishneva (1. Solotänzerin des Mariinski Theaters), die zum ersten Mal in der Staatsoper gastierte. Auch ihre Giselle lebt von der individuellen und überaus dezenten Interpretation. Die Wahnsinnsszene wird nicht mit gerauftem Haar und wildem Blick getanzt, sondern zurückhaltend, allmählich mit leeren Augen der Welt entgleitend. Während andere Solistinnen im Kreis die erschrockenen Bauernpaare entlang rennen, windet sich Vishneva geschickt durch die Reihen, um schließlich erschöpft zu Boden zu fallen. An der Waganowa Akademie erlernt und in München, Paris oder Mailand gern gesehen, ist ihre Technik über jegliche Kritik erhaben und auch der Wechsel von der verliebten Naiven zur tragischen Heroine gelingt glaubhaft.
Shane A. Wuerthner erntete mit Kathrin Czerny als Bauernpaar in den Aufführungen mit Fadeyev ebenso verdienten Applaus wie Kirill Kourlaev, der in den drei Aufführungen (1., 7., 21.12.) seine Darstellung des Hilarion immer mehr verfeinerte. Am 9. tanzte Mihail Sosnovschi den Gegenspieler Albrechts (Fadeyev), mehr als geschmeidigen Intriganten, denn als blind verliebten etwas plumpen Förster.
András Déri ist ein einfühlsamer Ballettdirigent, hängt aber von der unterschiedlichen Besetzung im Orchestergraben ab. Am letzten Abend, Malakhov zu Ehren, war sie vorbildlich.
Alles in allem muss gesagt werden, dass diese vier Aufführungen von „Giselle“, sich von Abend zu Abend steigernd, wahre Höhepunkte der ersten Hälfte der Staatsopernsaison waren.

Ditta Rudle

Online am: 24.12.2008, © www.tanz.at