Eine Herausforderung |
Eva Maria Lerchenberg-Thöny zeigt auch als Ballettchefin am Staatstheater Braunschweig politisches Engagement |
Jagdszenen, Staatstheater Braunschweig, 08.11.2008. |
Eva Maria Lerchenberg-Thöny ist sicherlich eine der talentiersten zeitgenössischen Choreographinnen Deutschlands und hat sich auch außerhalb seiner Grenzen Anerkennung verschafft. Unermüdlich, extrem kreativ, ist sie eine zauberhafte Mischung aus Sensibilität, Intelligenz, analytischem Vermögen und Musikalität. Sie greift Themen auf, die das Publikum immer wieder interessieren und begeistern. Ihre Fantasiewelt scheint unerschöpflich. Seit der Saison 2006/2007 ist sie Ballettchefin am Staatstheater Braunschweig. Mit der Wiederaufnahme von And I Love you so
?, eine Reise ins Herz der Liebe zu Songs, Chansons und Liebeslieder von Louis Armstrong, Jacques Brel und Edith Piaf, zeigte sie ihr neues sehr gutes Ensemble (siehe Kritik). Mit Carmen folgte eine neue Version dieses Werkes: zwei Carmen, zwei verschiedene Persönlichkeiten die sich in der Seele von Carmen befinden. Spannend, die Bilder von seltener plastischer Schönheit, wirken sie mit ihrer Anziehungskraft magisch und fast hyperreal (siehe Kritik). Zeitgleich mit der Premiere fand das von Lerchenberg-Thöny initiierte und organisierte Tanzfestival des Welten statt. Die erste Auswahl der Länder war außergewöhnlich und ebenso gelungen wie die Diskussionen mit Publikum nach den Vorstellungen und die Workshops mit Tänzern aus Togo und Indien, die es den Teilnehmern mit ihrer Tanzkultur und ihren Rhythmen schwer gemacht haben. Nun, ja, in Deutschland bewegt man sich eben anders. In ihrem künstlerischen Oeuvre zeigt sich Lerchenberg-Thöny aber auch immer politisch engagiert und als Kämpferin gegen Ungerechtigkeit hat, zum Beispiel mit Jagdszenen, einem Stück, das sie zur Musik von Harald Weiss konzipiert hat (Uraufführung am 19. Juni 2008). Einen Schlag in die Magengrube! Das Stück beginnt mit einen Mann an, der aus dem Nirgendwo kommt, (dort wo es eigentlich schön war), und an einem Ort der Kälte, der Gewalt landet
Lerchenberg-Thöny ist hier einer wahren Geschichte gefolgt, die Person der Erzählung war Ingenieur, politisch verfolgt von verschiedenen Parteien - rechts, links, egal
Der Vater hat ihn geschlagen, die Mutter war unterdrückt und zu nichts fähig als weiter zu leiden. Der Sohn hat keine Möglichkeit sich zu wehren. Auf der Straße hat eine Gruppe von Neo-Nazis auf den Schwächling gewartet. Leicht war der Junge zu gewinnen. In dieser Gruppe fand der Fremde seinen Platz, sein Heim. Er wurde sogar akzeptiert, je gewalttätiger er wurde, desto mehr wurde er in diesem Kreis anerkannt. Ein banale Liebesgeschichte könnte den Jungen vielleicht retten - sie wollte ihn in ihre Gesellschaft bringen aber es war zu spät, die Gesellschaft hat ihn schon ausgeschlossen, so oder so war er allein und für immer verloren
Eva-Maria Lerchenberg-Thöny hat das Werk realistisch dargestellt. Ich wollte das Stück eigentlich viel idealistischer machen, aber nach den Gesprächen mit Menschen, die in der Neo-Nazis Szene waren, war mir klar dass der Ton' meiner Choreographie andere sein sollte. Ich habe dann noch weiter geforscht, Filmen gesehen, Neo-Nazis Lieder angehört. Wissen sie, dass diese Lieder bei Feiern heute noch gesungen werden? Ich habe der ARUG, das größte Archiv Deutschlands für Rechtsradikalismus konsultiert. Die Bilder sind schrecklich realistisch. Schrecklicher noch, was jetzt in dieser Richtung passiert. Obwohl der Fremde in Deutschland und in der Neo-Nazis Szene angesiedelt ist, handelt es sich bei Jagdszenen um ein universales Werk. Dieses Beispiel steht auch für die Qual in anderen Gefängnissen des Lebens in vielen Ländern der Welt. Das Stückes wirkt wie ein Schmerz im Unterbewusstsein, der in der Tiefe unsere Seele auf eine wiederholte Frage aufwirft: Warum? Die hervorragende, ergreifende Interpretation von Ferdinand Holava (der Fremde), trotz des Realismus unglaublich nach innen gekehrt,, war ein großer Moment der darstellerischen Kunst! Das Ensemble als Angreifer war absolut glaubwürdig und perfekt wie auch Katja Buhl (Mutter) und Jiri Kobylka (Vater).
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Celi Barbier |
Online am: 15.12.2008, © www.tanz.at |