Märchenzauber aus Prag

Youri Vàmos erzählt mehr vom geizigen Scrooge als vom hölzernen Nussknacker

Der Nussknacker - Ein Weihnachtsmärchen, Festspielhaus St. Pölten, 13.12.2008.

Der Weihnachtsklassiker par excellence verliert auch mehr als hundert Jahre nach seiner Uraufführung in St. Petersburg nichts von seinem Zauber. Selbst wenn nur der Titel bleibt und die Geschichte vom „Nussknacker“ ganz anders erzählt wird. Es ist wohl vor allem die effektvolle Musik Peter Iljitsch Tschaikowskis, die den Erfolg des Balletts garantiert und als oft gehörte Suite in aller Ohren ist.
Für das Prager Nationaltheater hat Choreograf Youri Vàmos nicht die übliche Erzählung von Clara (oder Marie) und der hölzernen Puppe, die sich in einen Prinzen verwandelt, genommen, sondern sich an Charles Dickens' „Weihnachtsmärchen“ gehalten. Im Zentrum der Handlung steht der hartherzige Geldverleiher Scrooge. Geizig und gierig wie der einsame Mann ist, will er am vorweihnachtlichen Treiben in Markt und Gassen nicht teilhaben. Lieber legt er sich mit dem Safeschlüssel unter dem Kopfpolster ins kalte Bett. Bald aber wird er von unheimliche Träumen geplagt. Grausige Gespenster erscheinen, ziehen ihn in die Hölle, wo ihn der Teufel piesackt. Erst die Weihnachtsfee kann dem Spuk ein Ende bereiten und das Herz des alten Scrooge erweichen. Weihnachtsfreude, Weihnachtsfriede überall. Scrooge zerreißt das Schuldenbuch und verteilt Geschenke. Auch Clara darf ihren Nussknacker mit nach Hause nehmen.
Vàmos hat sein Ballett ganz auf ein junges Publikum zugeschnitten und lässt es nicht an weihnachtlichem Flair fehlen. Schon das erste Bild - ein Marktplatz im London des 19. Jahrhunderts - bietet vor den Schnee bedeckten Häusern ein buntes Treiben und allerlei Schabernack. Die Handlung erschließt sich dem staunenden Publikum auch ohne Vorwissen durch deutliche Charakteristik der Personen und drastische Pantomime aufs Allerbeste. Der böse Traum bietet allerlei gruselige Überraschungen und endlich erlösende Lieblichkeit durch die Weihnachtsfee.
Offenbar genau angepasst an das Niveau des Prager Ballettensembles hat Vàmos nicht allzu viele Schwierigkeiten eingebaut, sodass die Choreografie manchmal mehr einer Eistanzvorführung gleicht, denn einem klassischen Ballett. Doch bei allzu viele Arabesques und Pirouettes würden sich die Kleinen sicher bald langweilen. Der Prager „Nussknacker“ begeisterte die gesamte Familie, auch wenn die Väter mehr um des lieben Friedens willen mitgekommen waren.
Besonderen Applaus erhielt Ji_í Vrátil als Scrooge, der mit seinem Bett durch die Lüfte schwebt und, geläutert, mit den Kindern der Ballettschule des Nationaltheaters Prag im Reigen tanzt. Auffallend geschmeidig die beiden „Araberinnen“ (Sylva Ne_asová, Lenka _nellerová) in einer der Musik angepassten einfallsreichen Choreografie. Die Nationaltänze hat Vámos als „Geschenk der Weihnachtsfee“ eingebunden. Auch die Auflösung des Walzers konnte gefallen. Nikola Márová stand als Weihnachtsfee sicher auf der Spitze und meisterte ihre etwas langweilige Rolle mit Charme. Schließlich erhielten auch Zuzana Susová und Michal _tipa als Traumpaar im Flockenwirbel ihren Applaus. Wie notwendig auch in Wien ein ordentlicher unverkrampfter „Nussknacker“ wäre, zeigte der Andrang in St. Pölten: Alle drei Vorstellungen des Gastspiels waren ausverkauft.

Ditta Rudle

Online am: 15.12.2008, © www.tanz.at